Wirtschaft : Schwerer Start für viele Börsenneulinge - doch zugleich Chance für Anleger

Thomas Luther

Horst Kuschetzki ist ratlos. Kaum eine Gelegenheit lässt der Vorstandsvorsitzende der Edscha AG aus, um Werbung in Sachen eigener Aktie zu machen. Erst vor wenigen Wochen konnte er den Aktionären auf der Hauptversammlung Gutes vermelden. Umsatz und Ertrag des Automobilzulieferes würden wohl auch im laufenden Geschäftsjahr zweistellig wachsen. Doch die Börse lässt das alles kalt. Seit dem Börsengang im März 1999 dümpelt der Kurs des Spezialisten für Karosserieprodukte und CabrioVerdecksysteme um den Emissionpreis von 13 Euro. Auch die Aufnahme in den Nebenwerte-Index-Smax beflügelte die Aktie nicht. "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Werte der Automobilindustrie bei Anlegern im Moment nicht attraktiv sind", seufzt Kuschetzki.

Damit befindet er sich in guter Gesellschaft. Der Folienproduzent Neschen und der Pressenhersteller Schuler mussten ebenfalls deutlich Federn lassen, obwohl die Zahlen stimmen. Am Neuen Markt sind Neuemissionen auch keine Selbstläufer mehr. Zum Jahreswechsel notierte immerhin knapp die Hälfte aller 168 Neuemissionen aus dem Jahrgang 1999 unter dem Ausgabepreis. "Die Anleger haben mittlerweile viel mehr Möglichkeiten bei der Auswahl neuer Titel", nennt Elmar Thöne, Leiter der Abteilung Börseneinführung Mittelstand bei der DG Bank, einen der Gründe. Für die Neulinge heißt das: Sie müssen sich ungleich mehr anstrengen, um sich bei Anlegern überhaupt in Szene zu setzen.

Werbung genügt nicht mehr

"Werbung allein reicht nicht - das war in den Vorjahren anders", stellt Thöne fest. Beim Börsengang der Telekom oder von Pro Sieben reichten noch bunte Anzeigen in der Tageszeitung und ein paar Werbespots zur besten Sendezeit - prompt wurden den Bankberatern die Stücke aus den Händen gerissen. Auch die ersten Neulinge des Jahrgangs 1999 wie zum Beispiel Intertainment oder Hancke & Peter hatten noch leichtes Spiel bei den Anlegern, weil Werte aus "ihren" Branchen bis dahin an der Börse rar waren. Doch als zur Hochsaison fünf oder sechs Going-Publics in einer Woche anstanden, mussten selbst gestandene Profis passen. Trotz Computerunterstützung schaffen es schließlich auch erfahrene Geldmanager kaum, mehr als hundert Werte zu verfolgen.

"Wenn ich jetzt die Liste aller Neulinge des vergangenen Jahres durchgehe, merke ich, dass mir manche Emission glatt durchgegangen ist", räumt ein Fondsmanager ein. Diesen Übersättigungsfaktor haben viele Kandidaten bei ihrem Börsengang nicht einkalkuliert. Die Folge: Auch Qualitätstitel erwischten einen Fehlstart. "Bestimmte Werte haben nicht die Performance gemacht, die sie auf Grund ihrer Story und ihrer Geschäftsentwicklung eigentlich machen müssten", glaubt DG-Banker Thöne. Für Anleger bietet sich hier die Gelegenheit zum Schnäppchen.

Doch Thomas Teetz warnt davor, blind zuzugreifen: "Nicht nur deshalb auf eine Aktie setzen, weil sie zurückgeblieben ist", rät der Anlagestratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. "Statt dessen sollte man sich sehr genau das Geschäftskonzept ansehen. Das ist viel wichtiger, als danach zu schauen, wie irgendein Wert im Vergleich zur restlichen Branche an der Börse gelaufen ist."

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