Wirtschaft : Schwieriger Weg nach Europa

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Sind die Franzosen Europäer? Aus geografischer Sicht dürfte dies als sicher gelten. Schaut man allerdings auf die anderen Kriterien, nach denen sich Europa heute definiert, kommen gehörige Zweifel auf. Frankreich ignoriert mehr EUVorschriften als jedes andere Land. Selbst das große Jahrhundertprojekt der Gemeinschaft, die EU-Erweiterung, stößt bei den Franzosen auf Widerwillen. Ihr Präsident Jacques Chirac hatte dies anschaulich demonstriert, als er die Osteuropäer mit ihren Vorschlägen auflaufen ließ.

Auch das sprachliche Zusammenrücken der europäischen Völker ging an den Franzosen vorbei. Vor einiger Zeit versammelten sich die Parlamentarier des deutschen Bundestages mit denen der französischen Nationalversammlung, um den 50. Jahrestag der deutsch-französischen Freundschaft zu begehen. Um die Tischgespräche aufzulockern, suchten die Organisatoren unter den Franzosen nach Abgeordneten, die etwas Deutsch sprechen. Gerade einmal sieben von 577 hatte man gefunden. Dagegen konnten sich mehr Deutsche in Französisch verständigen und auch in Englisch, dem Schreckgespenst der gallischen Sprachhüter.

Nach der Suezkrise 1956 hatte Paris die Idee, Europa nach eigenen Vorstellungen zu formen, damit man nie wieder in die Abhängigkeit von Amerika gerate. Dass man die Deutschen dazu brachte, für die Kosten aufzukommen, war ein brillanter Zug. Doch diese Zeiten sind vorbei, und die Franzosen stehen dem gesamteuropäischen Projekt immer skeptischer gegenüber.

Das bringt uns zu Noëlle Lenoir, der französischen Europaministerin, die ihre Landsleute mit neuen Maßnahmen auf die Gemeinschaft einstimmen will. So sollen die französischen Schüler früher als bisher eine andere EU-Sprache in der Schule lernen und über die Einrichtungen der EU unterrichtet werden. Mit 18 Jahren will man ihnen dann ein kleines Büchlein übergeben, das ihnen die Rechte als EU-Bürger erklärt.

Paris hofft, seinen Einfluss in Europa durch eine enge Allianz mit den Deutschen sichern zu können. Doch auch in Deutschland merkt man, das Frankreich, wie es ein Beobachter ausdrückte, „immer seinen Willen durchsetzen möchte“. Dies ist es nun einmal, was Frankreich ausmacht, auch wenn das nichts mit dem europäischen Geist zu tun hat.

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