Wirtschaft : Sechs Prozent weniger Lohn möglich

Sonderklausel für Bautarife in Berlin / Vielen Unternehmern reicht die Kürzung noch nicht BERLIN (jhw).Höchst unterschiedlich bewerten Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Baugewerbe den Abschluß der Tarifverhandlungen vom Donnerstag.Danach bekommen die Beschäftigten prinzipiell ab 1.April 1,5 Prozent mehr Geld.Aber Berliner Unternehmen erhalten im Einzelfall die Möglichkeit, Lohn und Gehalt um bis zu sechs Prozent zu senken.Auf diese Sonderregelung für die Hauptstadt einigten sich die Verhandlungspartner. Wenn ein Unternehmen nachweist, daß seine Existenz auf dem Spiel steht - beispielsweise wegen eines erheblichen Rückgangs der eingehenden Aufträge - so können weitere Tarifverhandlungen stattfinden.Diese seien nicht Abmachungen zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat, sagte Rainer Knerler, Geschäftsführer der IG Bau Berlin auf Anfrage, sondern regelrechte Tarifverhandlungen, an denen die Gewerkschaften sich beteiligen. Die möglichen Lohnsenkungen seien schmerzlich, so Knerler, aber sie dienten dazu, die Beschäftigung zu sichern.Dabei gehe es nicht allein darum, alle Stellen im Unternehmen zu erhalten.Je nach der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens sei esauch möglich, wenigstens einen bestimmten Anteil der Arbeiter und Angestellten weiter zu beschäftigen oder die Auszubildenden zu übernehmen.Allerdings stellte Knerler fest, er glaube nicht, daß viele Unternehmen von der Extra-Klausel Gebrauch machen würden."Die steht eher auf dem Papier." Die Klausel stellt für Axel Wunschel, den Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Berlin-Brandenburg, "einen zukunftsweisenden Schritt in schwierigen Zeiten" dar."Aber die Lohnerhöhungen tun uns schon weh." Im Gegensatz zu Gewerkschafter Knerler vermutet Verbandsgeschäftsführer Wunschel, daß viele Unternehmen die Berlin-Klausel anwenden werden.Er erinnert daran, daß die Berliner Unternehmen erheblich unter ihrer Insellage innerhalb des Brandenburger Tarifgebiets leiden: Schließlich gelten im Berliner Umland niedrigere Tariflöhne, außerdem zahlen Unternehmen ihren Beschäftigten dort nur zwölf Monatsgehälter, in Berlin, das zum westdeutschen Tarifgebiet zählt, indes 13.Wunschel: "Sechs Prozent Lohnminderung sind nicht viel, aber schon eine ganze Menge." Er verwies darauf, daß im nächsten Jahr ein neuer Bundesrahmen-Tarifvertrag zu verhandeln sei.Mit dem könnten die Baufirmen weitere Kosten kappen. Dagegen klagten Unternehmen, die im Bauindustrieverband organisiert sind, über die Ergebnisse der Verhandlungen.Volker Tschapke, Geschäftsführer der Heinrich Köhler Baugesellschaft in Rudow, sagte: "Beide Seiten geben immer damit an, sie seien die Sieger in den Tarifverhandlungen gewesen.Aber die Aufgabe ist nicht gelöst.Wir werden uns den Marktkräften anpassen müssen." Die getroffenen Regelungen reichten nicht aus, das Bausterben gehe weiter.Sein Unternehmen, das derzeit 122 Mitarbeiter beschäftige, leide unter den tariflichen Regelungen, an die es sich halten müsse."Die Zahl unserer Beschäftigten ist im freien Fall." Tschapke betonte allerdings, daß die Menschen im Betrieb gewiß auch größere Abschläge von ihrem Lohn hinnehmen würden - wenn sie auf diese Weise nur ihren Arbeitsplatz erhalten könnten. In Berlin sind fast 19 000 Menschen in Bauberufen arbeitslos - gut 2000 mehr als vor einem Jahr.Etwa 28 000 Beschäftigte arbeiten im Baugewerbe.Damit liegt die Arbeitslosenquote bei rund 40 Prozent. Kritisch bewertete die Fachgemeinschaft Bau, die die meisten mittelständischen Betriebe in Berlin vertritt, den Kompromiß.Die Fachgemeinschaft hatte im vergangenen Jahr aus Protest gegen die Tarifpolitik ihre Mitgliedschaft in den Arbeitgeberverbänden aufgekündigt.Deshalb gilt der Abschluß nicht für ihre Mitgliedsbetriebe."Der Patient muß operiert werden, aber man verabreicht Schnupfenmittel", sagte Burkard Wenkel, Geschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau."Die sechs Prozent Abstriche nützen nichts, die sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein", schimpfte Wenkel.

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