Wirtschaft : Sehen und gesehen werden

Dank verbesserter Technik werden Bildtelefone für den Hausgebrauch immer beliebter

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Von Almar Latour Wenn der fünfjährige Leo Turoff abends ins Bett geht, liest ihm seine Großmutter oft noch eine Geschichte vor. Das ist an sich nichts Besonderes. Doch die beiden leben 3000 Meilen voneinander entfernt – Leo in London und seine Oma in New York. Ihr Trick? Mit Hilfe von gewöhnlichen Computern, die eine schnelle Internetverbindung haben, einer Software und einer digitalen Videokamera können sich die beiden regelmäßig sehen. Leos Laptop steht an seinem Bett, damit er gleich einschlafen kann, wenn die Geschichte zu Ende ist. „Die Technik ist immer noch ein bisschen primitiv, aber wir haben uns durchgekämpft“, sagt Leos Vater Mike.

Jahrzehntelang wurde versprochen, dass es Bildtelefonate wie diese für den Hausgebrauch geben würde. Schon bei der Weltausstellung 1964 in New York faszinierte eine Demonstration von AT&T die Besucher. Damals kündigte der Konzern an, dass es am Ende des Jahrhunderts Massen von Bildtelefonnutzern geben werde. Aber so schnell ging es dann doch nicht. Zwar halten die Unternehmen seit Jahren Videokonferenzen ab. Die Verbraucher aber hielten sich zurück, teils wegen der hohen Kosten, teils wegen der allenfalls mittelmäßigen Bild und Tonqualität.

Doch jetzt scheinen Bildtelefonate, ob über Computer oder über Telefon, stark im Kommen zu sein. Nachdem inzwischen fast jeder Haushalt einen PC hat, ist ein Großteil der Hardware bereit für Konversationen wie die der Turoffs. Und die wachsende Popularität von Breitbandverbindungen sowie die raschen Fortschritte in der Videotechnologie in den letzten Jahren haben es möglich gemacht, scharfe, schnell fließende Bilder ins Haus zu liefern. Ähnliche Entwicklungen in der Mobiltelefontechnologie, insbesondere die Herstellung von Telefonen mit eingebauter Kamera, haben dazu geführt, dass Bildtelefonate jetzt auf jeder Straße geführt werden können.

„Babys und Großeltern sind zur Zeit die besten Kunden“, sagt David Barden, Telekommunikationsanalyst bei der Bank of Amerika Securities in New York. Webcams wie diejenige, die die Turoffs benutzen, finden immer mehr Anklang, weil dank neuer Technik verzerrte Stimmen und Bilder der Vergangenheit angehören. Und die Verbraucher können sich auf eine große Auswahl freuen: In diesem und im kommenden Jahr werden viele Bildtelefongeräte auf den Markt kommen. Möglicherweise haben dabei die Unternehmen, die ihr Produkt zuerst auf den Markt bringen, einen Wettbewerbsvorteil. Eine Hürde müssen alle Anbieter noch nehmen: Man kann Bildtelefonate nur mit Leuten führen, die ein kompatibles Gerät besitzen. Bis genügend Leute ein Bildtelefongerät haben und es anderen daher wert erscheinen wird, eines zu erwerben, wird der Markt wohl nur langsam wachsen.

Aber keines dieser Hindernisse scheint unüberwindbar. Die Unternehmen arbeiten permanent daran, die Lebensdauer der Batterien zu verbessern. Die Kosten für eine neue Technologie gehen für den Verbraucher mit deren zunehmender Beliebtheit zurück. Und die Tatsache, dass Bildtelefonate nur mit zwei kompatiblen Bildtelefongeräten geführt werden können, wird mit jedem Verkauf eines Gerätes weniger problematisch.

Der Vorteil von Webcams und Telefonen mit einer Schnittstelle zum Computer: Für die einzelnen Anrufe fallen keine Gebühren an. Bildtelefonate über Handy werden genauso abrechnet wie normale Anrufe – allerdings sind sie teurer. Anrufe über Webcams oder über ein an den Computer angeschlossenes Telefon laufen über das Internet, so dass für den einzelnen Anruf keine Gesprächsgebühren fällig werden; nur für die Breitbandverbindung entstehen Kosten.

Ein neues Gerät, das Bildtelefonate über das Internet liefern wird, ist ein Gerät namens Ojo, das Motorola in diesem Jahr auf den Markt bringen wird. Ojo ist ein Telefon, das mit einem zusätzlichen Video-Bildschirm ausgestattet ist, der gerade einmal die Größe eines Taschenbuchs hat. Es sieht aus wie ein normales Telefon und kann auch für ganz gewöhnliche Anrufe verwendet werden. Wenn man es aber an den Computer anschließt, kann man Bildtelefonate mit anderen führen, die einen Ojo haben. Das Telefon soll zunächst 700 US-Dollar kosten. Das klingt nicht viel, aber ob sich diese Investition lohnt, hängt davon ab, wie viele kostenlose Telefonate man mit anderen Ojo-Nutzern, insbesondere auf lange Entfernungen und ins Ausland, führen kann.

Auch Familie Turoff hat das Ojo ausprobiert und mit ihrer Webcam verglichen. Das Ojo hatte eine bessere Qualität, aber mit dem Testmodell konnte einige Male eine Verbindung zu einem Modell in London nicht hergestellt werden. Der Hersteller Worldgate sagt, das Nichtzustandekommen der Verbindung habe nichts mit dem Gerät zu tun, sondern sei vielmehr auf einen Serverfehler zurückzuführen. Sobald das Bildtelefon auf dem Markt sei, könnten diese kleinen Mängel ausgebügelt werden. „Wenn das Ojo funktionierte, war es super“, sagt Herr Turoff.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Siemens), Svenja Weidenfeld (Bildtelefonie), Matthias Petermann (9/11) und Chrstian Frobenius (Schwarzarbeit).

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