Wirtschaft : sei kein Verschwender sei kein Blender sei Berlin

Nach dem Rücktritt von René Gurka brauchen die Partner einen Chef - und einen neuen Partner.

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Foto: promo
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Natürlich ist die Stimmung mies. Wie unter Feinden. „Wo ist das Schwein?“ – formuliert ein Mitarbeiter der Berlin Partner etwas drastisch, was viele der fast 120 Beschäftigten umtreibt. Sitzt nebenan der Verräter? Oder gegenüber? Indiskretion und Denunziation aus dem eigenen Haus hatten Geschäftsführer René Gurka vor wenigen Wochen den Kopf gekostet. Eine Mischung aus Nachlässigkeit, Dummheit und Dreistigkeit – unter anderem hatte Gurka ohne Ausschreibungen Aufträge erteilt und in seinem Lebenslauf irreführende Angaben gemacht – war am Ende zu viel für das Unternehmen, das im wesentlichen vom Steuerzahler getragen wird. „Er hat agiert wie ein Mittelständler, der abends in der Sauna Geschäfte macht“, sagt ein Aufsichtsrat der Partner. Und das geht eben auf Dauer nicht gut.

Aufsichtsratschef Peter Zühlsdorff sucht nun einen Nachfolger. Das heißt: Er muss schon suchen, aber eine Entscheidung gibt es nur gemeinsam mit dem neuen Wirtschaftssenator. Das Land ist mit 45 Prozent der größte Anteilseigner der Partner. 40 Prozent hält die Partner für Berlin Holding, die frühere, von Unternehmen getragene Gesellschaft für Hauptstadtmarketing, und jeweils fünf Prozent liegen bei den beiden Kammern sowie den Unternehmensverbänden.

Bis März bekommt Gurka noch Gehalt. Und bis dahin sollte auch ein Nachfolger gefunden sein: Ein guter Verkäufer und Stratege, der Entwicklungen und Trends früher als andere bemerkt und daneben auch ein Team führen kann. Und der die Zusammenarbeit mit der Technologiestiftung (TSB) forciert.

Die Berlin Partner sind für Standortmarketing, Unternehmensakquisition und Pflege der ansässigen Firmen zuständig. Die TSB befasst sich mit Innovationsförderung und Technologietransfers, ein weites Feld in der Wissenschaftsstadt Berlin. In Wirtschaft und Politik ist seit langem klar, dass „längst nicht alle Synergien genutzt sind, die sich aus einer engen Abstimmung und Zusammenführung beider Häuser ergeben können“. So steht es in einem Papier des beim Regierenden Bürgermeister angesiedelten „Steuerungskreis Industriepolitik“. Die Kammern (siehe Grafik) befürworten eine Fusion von Partnern und TSB. Doch in den Koalitionsverhandlungen schoben SPD und CDU das Thema auf die lange Bank. Von einem engeren Zusammenspiel ist die Rede, aber bisher nicht von einem Zusammenschluss.

Vermutlich ist das vernünftig. Die TSB will nicht fusionieren und lebt gerne und gut „in ihrer eigenen Welt“, wie ein Aufsichtsrat sagt. Und die Partner können nicht fusionieren. Jedenfalls nicht in ihrem jetzigen Zustand. Und überhaupt ist das so eine Sache mit den Fusionen.

Als der 35-jährige René Gurka vor viereinhalb Jahren den Job antrat, fremdelte es noch schwer im Ludwig-Erhard-Haus an der Fasanenstraße. Die landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft war mit der Außenwirtschaftsförderung der IHK und den privatwirtschaftlichen Marketingpartnern zusammengeführt worden. Eine Leistung des jetzt ausscheidenden Wirtschaftssenators Harald Wolf (Linke) – und ein mühsames Unterfangen. Obwohl alle in einer Etage sitzen. „Jeder der drei Bereiche hatte sein eigenes Mineralwasser und eine eigene Putzkolonne“, erinnert sich ein Mitarbeiter. Inzwischen, nach mehr als fünf Jahren, läuft die Zusammenarbeit einigermaßen reibungslos. Auch dank Gurka.

Wenn zum Beispiel die Außenwirtschaftler eine Messebeteiligung Berliner Firmen im Ausland organisieren, ist ein Akquisitionsteam dabei und die Marketingabteilung veranstaltet eine Berlin Night mit potenziellen Geschäftspartnern. Das ist Vermarktung des Standorts aus einer Hand. Ideal wäre wohl die Verknüpfung mit der Technologiekompetenz der TSB – denn wenn Firmen vor einer Entscheidung für Berlin stehen, wollen sie Aufklärung über die hier realisierbaren Wertschöpfungsketten. Indes: Der Zustrom nach Berlin hält sich in Grenzen. Das Potenzial liegt gewissermaßen im Innern, bei den hier vorhandenen Unternehmen und Institutionen.

Vielleicht ist es das größte Verdienst von Wolf und Gurka, aufgrund dieser Erkenntnis die Wirtschaftsförderung ergänzt zu haben um den Unternehmensservice, der sich um die hiesigen Betriebe kümmert. „Bis dahin standen wir doch mit dem Rücken zu Berlin“, sagt ein Partner. In enger Abstimmung mit den Bezirken (siehe nebenstehenden Text) wird das nun anders gehandhabt. Und das hat zu einem Imagewandel beigetragen: Berlin kümmert sich wieder um Industrie.

Deren Bedeutung haben auch irgendwann die Glamourboys Klaus Wowereit und René Gurka erkannt. Beiden verstanden sich gut, beide sind gute Verkäufer und repräsentieren die Stadt so, wie sie sich selbst fühlen: Ziemlich cool und lässig. Das ist authentisch und kommt gut an, die Marke Berlin strahlt heute anders als noch vor zehn Jahren. Auch wegen der Marketingkampagne „be Berlin“, die von Gurka umgesetzt wurde.

„Er lief immer voraus und hat sich nicht gekümmert, was hinter ihm passierte“, sagt ein Partner über den Ex-Chef. „Es war scheißegal, was hier passiert, er wollte Spaß haben“, ergänzt eine Kollegin. Mehrmals, so ist im Aufsichtsrat zu hören, habe man Gurka eine Art Innenminister ans Herz gelegt, einen Geschäftsführerkollegen, der sich um die Truppe und die Abläufe kümmert. Er wollte nicht. Von der IHK ist inzwischen Melanie Bähr gekommen, die dort als Justiziarin das Geschäftsfeld „Recht & Fair Play“ verantwortete und nun als Geschäftsführerin den Zusammenhalt unter den Partner fördern soll. Nötig ist das. Ein Mitarbeiter spricht sogar vom „Burn Out einer Organisation“. Schlechte Voraussetzungen, um Berlin zu vermarkten.

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