Wirtschaft : Seit 200 Jahren wird in Neu Kaliss Papier hergestellt - Heute führt Melitta die Mecklenburger

Julia Meichsner

Es war das Fest der Melitta-Filtertüten: Allerdings nur, wenn sie im Werk Neu Kaliss vom Band gelaufen sind. Denn in dem gleichnamigen Ort in Mecklenburg-Vorpommern feierte die Tochter des Melitta-Konzerns in diesen Tagen das 200jährige Jubiläum der örtlichen Papierproduktion. Seitdem bezeugt ein Denkmal, ein Papiermalstein, dass Neu Kaliss in der Papierproduktion kein unbeschriebens Blatt ist: Von hier kommt die angeblich weltweit größte Kaffee-Filtertüte mit den Maßen von 50-70 Zentimeter Breite beziehungsweise Höhe und Filterleistungen von 3300 Tassen Kaffee pro Stunde. Und bei der Produktion von Melkpapieren und Staubsaugerbeuteln ist die Neu Kaliss Spezialpapier GmbH (NKS) laut Melitta Marktführer in Europa.

Leistungen wie diese passen gut zur Produktionsgeschichte des Ortes: Denn schon vor 200 Jahren fertigte der Papier-Pionier Johann Friedrich Idle seine Blätter für den Herzog und dessen Kanzleien. Dabei hatte er genug Konkurrenten, denn allein in Mecklenburg-Vorpommern gab es 18 Handpapiermühlen. Doch sie alle kamen kaum gegen die reißende Papier-Nachfrage an, die mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 und durch die Aufklärung eingesetzt hatte. Es entstanden Engpässe bei Lumpen, dem damals wichtigsten Lieferanten des Produktionsstoffes Fasern. In ganz Europa suchten deshalb Idle und seine Kollegen nach anderen Rohstoffen für die Papierproduktion. Erst 1841 entdeckte der Weber Friedrich Gottlob Keller, dass sich auch aus Holz geeignete Faserstoffe herstellen lassen.

Mit dieser Innovation nahm die europäische Papierproduktion endgültig Abschied von Jahrhunderte alten Rezepturen der Chinesen: Sie gelten als die ersten Blattmacher. Der genaue Zeitpunkt ihrer Erfindung ist zwar unbekannt, entsprechende Funde aus dem Reich der Mitte werden auf circa 60 v. Chr. zurückdatiert. Chinesische Kriegsgefangene brachten das streng gehütete Produktionsgeheimnis rund 600 Jahre später nach Japan, von wo es sich langsam über Arabien ausbreitete, bis es 1150 nach Europa kam. Bis zur ersten Papiermühle auf deutschem Boden vergingen abermals zweihundert Jahren. Sie wurde 1390 bei Nürnberg gegründet.

Heute gehört Deutschland mit einer Gesamterzeugung von 16,3 Mrd. Tonnen Papier, Karton und Pappe im vergangenen Jahr zu den größten Produzenten weltweit. Rund sieben Prozent davon sind Papiere und Pappen für technische Verwendungszwecke, zu der die jetzige Produktion in Neu Kaliss zählt. Vorher - zu Zeiten der DDR - liefen hier noch Schulhefte und Zeichenkartons vom Band, die die damalige "VEB Feinpapier Fabrik" in erster Linie in die sozialistischen Bruderstaaten nach Osten exportierte. Für den Betrieb wendete sich das Blatt 1992, als der Melitta-Konzern das Unternehmen von der Treuhand kaufte. Seitdem konzentriert sich die Kaliss Spezialpapier GmbH (NKS) mit 130 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 30 Mill. DM. auf die Produktion von Filtertüten für Kaffeemaschinen und Staubsauger. Das Unternehmen stellt außerdem Kaffee- und Pilsdeckchen für Melitta her. Der Mutterkonzern mit seinen 4300 Mitarbeitern weltweit und einem Umsatz von 2,25 Mrd. DM hat sein Kerngeschäft im Kaffee-, Filter- und Frischhaltefolienbereich.

Die vielseitige Papierproduktion in Neu Kaliss zeichnete sich schon Ende des 19. Jahrhunderts ab, als im Zuge der Industrialisierung die Fabrik Schöller & Bausch gegründet wurde. Wie der ehrenamtliche Betreuer des Regionalmuseums in Neu Kaliss, Hans Joachim Bötefür, erzählt, liefen zu der Zeit Spezialpapiere von der Rolle, die unter anderem als Grundstoff für Banknoten und Wertpapiere in die ganze Welt verkauft wurden. Die USA waren der größte Kunde, der noch in den ersten Kriegsjahren über geheime Vertriebswege beliefert wurde, so Bötefür. Er vermutet, dass die Geschäfte damals über die Schweiz abgewickelt wurden. Beweise dafür gibt es jedoch nicht.

Nach der Kapitulation Deutschlands soll laut Bötefür die ehemalige Produktion von Sold-Büchern für die Wehrmacht der Firma Schöller & Bausch zum Verhängnis geworden sein: Die russische Besatzungsmacht kassierte die Fabrik als Reparationsleistung. Doch die Fabrik erholte sich von diesem Rückschlag. Der ehemals volkseigene Betrieb ist heute das einzige Unternehmen der Melitta-Gruppe in den neuen Bundesländern.

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