Wirtschaft : Seit einem Vierteljahrhundert brüten die Deutschen über schwedischen Möbelbau-Anleitungen

Julia Raabe

25 Jahre Ikea in Deutschland. Für die Deutschen heißt das 25 Jahre gelb-blauer Elch, 25 Jahre "unmögliches Möbelhaus" (Eigendefinition von Ikea), 25 Jahre skandinavische Einrichtungsgegenstände zum (Selber-)Zusammenbauen, 25 Jahre schwedische Möbel-Revolution in deutschen Wohnzimmern. Für die Schweden heißt das 25 Jahre Duz-Pflicht in Deutschland, 25 Jahre Export des "Ikea-Geistes" in eines der wichtigsten Länder Europas - und 25 Jahre Eroberung des wichtigsten Absatzmarktes weltweit.

Der auserwählte Ort, an dem die schwedische Erfolgsgeschichte auf deutschem Boden begann, war Eching bei München. Dort eröffnete im Oktober 1974 der erste Ikea-Einrichtungsmarkt der Bundesrepublik. Deutschland war der zweite Markt außerhalb Skandinaviens, auf den sich die schwedische Firma wagte. Dieser Schritt läutete eine richtige Erfolgsgeschichte ein - sowohl im Inland, als auch weltweit. Vor allem für junge Leute stellten die hellen, preisgünstigen Kiefernmöbel die willkommene Alternative zum altmodischem Einrichtungsstil der Eltern dar. Werbeslogan damals: "Wer jung ist, hat mehr Geschmack als Geld." In Jahresabständen eroberte das schnell wachsende Möbelimperium auf diese Weise eine deutsche Stadt nach der anderen, ein Land nach dem anderen - auf allen Kontinenten dieser Erde.

"Wir wollen ein breites Sortiment formschöner und funktionsgerechter Einrichtungsgegenstände zu Preisen anbieten, die so günstig sind, dass möglichst viele Menschen sie sich leisten können", definierte Firmengründer Ingvar Kamprad die Unternehmensphilosophie. Sein Traum sei es, "den vielen Menschen einen besseren Alltag zu schaffen." Heute führt Ikea 11 400 "formschöne und funktionsgerechte Einrichtungsgegenstände" in 24 deutschen Filialen (weitere sind geplant) und in insgesamt 29 Ländern auf dieser Welt, darunter neben den europäischen und nordamerikanischen Staaten beispielsweise Singapur (seit 1978), Saudi-Arabien (seit 1983) und China (seit 1998).

In Deutschland erzielt der schwedische Handelsriese heute mit rund 15,7 Mrd. DM 25 Prozent seines Umsatzes. 7500 Mitarbeiter arbeiten hierzulande für den Konzern - mehr Menschen als in irgendeinem anderen Land, in dem Ikea vertreten ist.

Das Konzept des Möbelriesen ist einfach. Der Kunde muss möglichst viel selber machen: beratungslos aussuchen, abholen, selber zusammenschrauben. Das ist zwar mühsam, hält aber den Preis niedrig. Auch innerhalb des Unternehmens wird gespart, wo es geht: Selbst die Spitzenmanager des Konzerns müssen auf Reisen den Zubringerbus benutzen, Touristenklasse fahren und in Discounthotels übernachten. Die Ikea-Häuser sind meistens am Stadtrand angesiedelt: Dort sind die Mieten billiger und die Parkräume größer als in der Innenstadt. Und: Für die Mitarbeiter ist Duzen Pflicht - schließlich soll bei Ikea nicht die Hierarchie zählen, sondern Teamgeist und Engagement. Zum 25jährigen Jubiläum wird dieser Teamgeist ordentlich belohnt. Sie bekommen am 9. Oktober jede eingenommene Mark. Bei einem geschätzten Umsatz von 130 Mill. DM sind das rund 3000 DM pro Mitarbeiter.

Die Herstellung der Möbel erfolgt dort, wo es am billigsten ist, wie beispielsweise in Malaysia oder Osteuropa. Das sorgte in der Vergangenheit nicht nur für glückliche Kunden, sondern auch für eine Menge Ärger: Kinderarbeit, Hungerlöhne und die Verwendung umweltgefährdender Materialien waren nur einige der Vorwürfe, die dem Möbelimperium gemacht wurden. Auf Druck von Gewerkschaften aus vier Kontinenten unterzeichnete der Konzern Mitte 1998 einen Verhaltenskodex, in dem er sich dazu verpflichtete, die Arbeits- und Sozialgesetze der Herstellerländer zu beachten. Für Schlagzeilen sorgte auch die Vergangenheit von Ikea-Vater Kamprad: Der heute 73-jährige Multimillionär gehörte bis 1945 einer Organisation schwedischer Nationalsozialisten an. Kamprad entschuldigte sich, das Unternehmen betrachtet die Sache als "abgehakt".

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