• Seit zwei Jahrzehnten sind die Zahlen erstmals gesunken - von insgesamt 2,23 Millionen sind eine Million Kinder

Wirtschaft : Seit zwei Jahrzehnten sind die Zahlen erstmals gesunken - von insgesamt 2,23 Millionen sind eine Million Kinder

Martin Gehlen

Die Zahl der Sozialhilfeempfänger ist 1998 zum ersten Mal seit knapp zwanzig Jahren geringfügig gesunken. Sie betrug Ende vergangenen Jahres 2,91 Millionen, 0,4 Prozent weniger als Ende 1997. Das gab das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag bekannt. Damit bezogen rund 3,5 Prozent der Bevölkerung Deutschlands Sozialhilfe. 56,2 Prozent der Empfänger waren Frauen. Sozialhilfe im engeren Sinne ist die "laufende Hilfe zum Lebensunterhalt", durch welche der Grundbedarf an Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Heizung gedeckt ist.

Die Zahl der deutschen Sozialhilfebezieher ging von 2,25 Millionen Ende 1997 auf 2,23 Millionen Ende 1998 zurück, die der ausländischen Sozialhilfebezieher dagegen stieg von 666 000 auf 676 000. Abgenommen hat die Zahl der Ausländer, die statt Sozialhilfe Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommen. Sie sank von 487 000 auf 416 000. Seit November 1993 bekommen Asylbewerber, geduldete Kriegsflüchtlinge und Ausreisepflichtige keine Sozialhilfe mehr, sondern Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

Der leichte Rückgang bei der Sozialhilfe 1998 ist ausschließlich auf die Entwicklung im früheren Bundesgebiet zurückzuführen, wo die Zahl der Sozialhilfeempfänger um 1,6 Prozent auf 2,49 Millionen sank. In den neuen Bundesländern einschließlich Ostberlins hingegen stieg sie beträchtlich an, und zwar um 7,5 Prozent auf 418 000. Allerdings war im früheren Bundesgebiet der Anteil der Sozialhilfeempfänger an der Bevölkerung mit 3,7 Prozent nach wie vor höher als im Osten (2,7 Prozent).

Die höchsten Sozialhilfequoten hatten die Stadtstaaten Bremen (10,0 Prozent), Berlin und Hamburg (je 8,3 Prozent). Auch das Saarland (4,8 Prozent) und Schleswig-Holstein (4,6 Prozent) hatten einen hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern. Die niedrigsten Quoten wurden in Bayern (2,0 Prozent) und Thüringen (2,1 Prozent) verzeichnet. Unter den ostdeutschen Bundesländern verzeichneten Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen mit über zehn Prozent sowie Sachsen-Anhalt mit 9,1 Prozent die stärksten Zunahmen.

Insgesamt bekamen in allen neuen Ländern mehr Menschen Sozialhilfe. In den alten Bundesländern stieg die Zahl der Sozialhilfe-Empfänger nur in West-Berlin mit 4,6 Prozent sowie in Schleswig-Holstein mit 1,1 Prozent. Alle anderen westlichen Bundesländer verzeichneten Rückgänge, den deutlichsten gab es in Bremen mit minus 6,1 Prozent. Dennoch hatte der Stadtstaat unverändert die höchste Sozialhilfequote.

Etwa ein Drittel aller Sozialhilfeempfänger, also gut eine Million, sind Kinder oder Jugendliche unter 18 Jahren. Dieser Anteil ist fast doppelt so hoch wie der entsprechende Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung. Die Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen leben in Haushalten von allein erziehenden Frauen. Allein Erziehende in Deutschland haben ebenfalls ein sehr hohes Armutsrisiko: Fast jede dritte von ihnen ist heutzutage auf Leistungen der Sozialhilfe angewiesen. Im Gegensatz dazu ist der Anteil älterer Sozialhilfeempfänger in den letzten beiden Jahrzehnten drastisch gesunken. Heute sind nur noch knapp 270 000 Empfänger 60 Jahre oder älter.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband bewertete die Zahlen des Bundesamtes als "irreführend". Der statistische Rückgang der Zahl der Sozialhilfebezieher bedeute keinesfalls "abnehmende Armut", sondern sei auf die restriktive Sozialhilfepolitik seit 1993 zurück zu führen. "Die Sozialhilfe wird bereits seit Jahren nicht mehr bedarfsdeckend erhöht. Die Zahl der Sozialhilfebezieher wird damit künstlich geringer gehalten als es der tatsächlichen Armut in Deutschland entspräche", betonte der Hauptgeschäftsführer des Wohlfahrtsverbandes, Schneider.

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