Wirtschaft : Sekthersteller: Rotkäppchen schluckt Mumm und MM

sam

Der ostdeutsche Sekthersteller Rotkäppchen geht auf Westkurs. Nach der Marktführerschaft im Osten will das Traditionsunternehmen mit dem Kauf der Sektmarken Mumm und MM nun seine Position im Westen stärken. Ein entsprechender Vertrag sei bereits unterzeichnet, sagte Geschäftsführer Gunter Heise am Dienstag in Leipzig. Der Kauf werde allerdings erst perfekt, wenn die Kartellbehörden in den USA und Kanada dem Erwerb der Getränkesparte von Seagram durch Diageo (Großbritannien) und Pernod-Ricard (Frankreich) zugestimmt haben, betonte Heise. Angaben zum Preis wollte Heise nicht machen. Branchenkenner schätzen den Kaufpreis auf rund 270 Millionen Mark (138 Millionen Euro). Rotkäppchen will neben den beiden Marken auch die Standorte Hochheim und Eltville mit insgesamt 240 Beschäftigten übernehmen. Außer Rotkäppchen hatten sich auch die Schloss Wachenheim AG, der Spirituosenfabrikant Eckes bei Mainz und die Wiesbadener Sektkellerei Henkell & Söhnlein für Mumm und MM interessiert. Die Rotkäppchen-Kellerei soll im Rennen um die beiden Sektmarken 40 Millionen Mark mehr als Henkell & Söhnlein geboten haben.

Die im sachsen-anhaltinischen Freyburg ansässige Sektkellerei Rotkäppchen erzielte im Geschäftsjahr 1999/2000 einen Umsatz von 222 Millionen Mark; insgesamt wurden fast 44 Millionen Flaschen abgesetzt. In den neuen Bundesländern ist die Sektmarke Marktführer, im Westen ist sie hingegen nicht verwurzelt. Mumm und MM gehören bisher zur Seagram Deutschland GmbH. Sie produzieren insgesamt rund 50 Millionen Flaschen im Jahr und erreichen zusammen einen Umsatz von rund 350 Millionen Mark.

Die Anfänge der Rotkäppchen-Kellerei liegen weit zurück. 1856 gründeten drei Geschäftsleute die "Freyburger Champagner-Fabrik-Gesellschaft". Ein Jahr später schon wurde das Unternehmen liquidiert und an die Sektkellerei Kloss & Foerster versteigert. Die Marke "Rotkäppchen" entstand erst 1894: Von da an durfte die Sektkellerei ihr Produkt nicht mehr "Monopol" nennen und gab ihm statt dessen den Namen "Rotkäppchen" - nach dem roten Flaschenverschluss.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Unternehmen ein volkseigener Betrieb. Der persönlich haftende Gesellschafter Günther Kloss wurde enteignet und gründete sein Unternehmen in Westdeutschland neu. Der Kellerei Kloss & Foerster in Freyburg erging es wie der Marke "Monopol": Sie durfte ihren Namen nicht behalten. Ab 1948 hieß das Unternehmen nach dem Hauptprodukt "VEB Rotkäppchen Sektkellerei Freyburg".

Nach der Wende ging es mit Rotkäppchen zunächst bergab. Innerhalb eines halben Jahres sank der Absatz um mehr als die Hälfte, gut 40 Prozent der Mitarbeiter wurden entlassen. Im Juni 1990 wurde das Unternehmen zur GmbH, die Anteile hielt die Treuhand. Der Personalabbau ging weiter,von den 364 Mitarbeitern blieben nur 70 übrig. Anfang 1993 veräußerte die Treuhand die Sektkellerei im Management-Buy-Out. 60 Prozent der Anteile gingen an die fünf Mitglieder der Geschäftsleitung, 40 Prozent hält die Familie Eckes-Chantré.

Gegenwärtig arbeiten 92 Personen bei Rotkäppchen. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen nach der Wende seine Produktivität verzehnfacht. Immer wieder wurden die Lager erweitert, um die steigenden Produktionsmengen unterzubringen. Mittlerweile ist in den Kellern Platz für 55 Millionen Flaschen. Im vergangenen Jahr setzte die Sektkellerei knapp 47 Millionen Flaschen ab. Zu DDR-Zeiten waren es höchstens 15 Millionen, unmittelbar nach der Wende sank die Produktion auf 3,2 Millionen Flaschen. Inzwischen stellen auch in den alten Bundesländern die meisten Geschäfte Rotkäppchen-Flaschen in die Regale. Dennoch hat die Marke dort nur einen Marktanteil von 2,3 Prozent, im Osten Deutschlands sind es mehr als 50 Prozent. Im Ausland setzt das Unternehmen keine nennenswerten Mengen ab, der Export soll jedoch ausgebaut werden. Unter anderem in China soll der Sekt aus Freyburg verkauft werden. Ein chinesisches Etikett gibt es schon: Im Land der Mitte soll der Schaumwein "Kleine Rote Mütze" heißen.

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