Wirtschaft : Selbst Boeing bestellt in Kreuzberg

Rainer W. During

Als kürzlich 20 Lufthansa-Flugbegleiter bei einer Übung in Hamburg binnen 80 Sekunden 853 Testpassagiere aus einem Airbus A380 evakuierten, half ihnen Technik aus Berlin. Die Bedienelemente für die erstmals bei einem Verkehrsflugzeug elektronisch gesteuerten Türen und Notrutschen werden von der Firma Holmberg in einem sanierten Kreuzberger Fabrikkomplex gefertigt. Und das ist nur ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Luft- und Raumfahrtindustrie in der Region, die sich anschickt, den Osten der Republik nach Bayern und Norddeutschland zu ihrem dritten Schwerpunkt zu machen.

Allein die Berlin Brandenburg Aerospace Alliance (BBAA) zählt über 60 Mitglieder, die einen geschätzten Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro produzieren. Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (Ila), die am Dienstag in Schönefeld eröffnet wird, stammen rund zwei Drittel der gut 1000 Aussteller aus Deutschland. Darunter befinden sich 139 Firmen aus Berlin und Brandenburg.

Nicht nur bei den europäischen Flugzeugbauern hat Holmberg einen guten Namen. Auch der US-Konzern Boeing schätzt die unter dem Namen Holmco vertriebenen Produkte der Kreuzberger Firma. Dazu gehören die Kopfhörer-Mikrofon-Funksprechgarnituren der Piloten und die Telefone für die bordinterne Kommunikation fast aller modernen Verkehrsflugzeuge. In Friedrichshain entwickelt die Firma PACE unter anderem die Software, mit der die Notfallausrüstungen von Airbus-Flugzeugen konfiguriert werden.

Die BBAA hat ein Programm entwickelt, um kleine und mittlere Firmen als Zulieferer für die Großen der Branche zu qualifizieren. Einen Schwerpunkt bildet hier der Triebwerksbereich, der mit beiden großen internationalen Herstellern in der Region vertreten ist. In Ludwigsfelde haben MTU Aero Engines rund zwölf Millionen Euro unter anderem in den Bau des größten Wellenleistungsprüfstandes für Propellertriebwerke in der westlichen Welt investiert. In dem bisher auf die Wartung von Düsenaggregaten spezialisierten Betrieb beginnt in Kürze die Serienfertigung aller TP400-Turboproptriebwerke für den neuen Militärstransporter Airbus A400M. In Dahlewitz, hat Rolls-Royce Deutschland vergangenen Mittwoch zusätzlich die Produktion des Airbus-Triebwerks V2500 aufgenommen und binnen zwei Jahren 840 neue Jobs geschaffen. Triebwerkskomponenten werden bei der GEVA in Adlershof getestet. Dass es endlich grünes Licht für den Bau des neuen Flughafens BBI in Schönefeld gibt, ist für viele der Firmen ein Signal für den weiteren Aufschwung. Schon heute haben die neuen Nonstopverbindungen in die USA den Transport von Komponenten beschleunigt, heißt es bei Rolls-Royce.

Selbst im Weltraum ist mit dem Engagement der Berliner Region nicht Schluss. Das Galileo-Anwendungszentrum soll Firmen aus der Region animieren, sich frühzeitig mit der Entwicklung von innovativen Nutzungsmöglichkeiten des zukünftigen europäischen Satellitennavigationssystems zu befassen.

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