Wirtschaft : Selbstüberschätzung und Gier beim Kauf von Optionsscheinen

Kathrin Quandt

"Freuen Sie sich, wenn Sie mal schlechte Erfahrungen mit Optionsscheinen gemacht haben - am besten gleich am Anfang", sagt Berthold Grünebaum, Optionsschein-Koordinator bei der DG Bank. "Dann kommt man nämlich ins Grübeln" - über die Gefahren des Geschäfts und die Überzeugung, zu gewinnen. Gerade jetzt sind die Aussichten verlockend, nach Derivaten zu greifen: Die Risiken am Aktienmarkt sind vielen Anlegern zu hoch, die Renditen am Rentenmarkt zu niedrig. Doch wer einsteigt, sollte Motive und Strategie selbstkritisch überprüfen.

Welche Anlegergruppe kauft Optionsscheine? Grünebaum: "Das sind in der Regel Privatanleger." Vom Klischee her könnte man denken, der typische Optionsscheinkäufer ist jung und dynamisch. Das sei weit gefehlt. Nach der Einschätzung von Frithjof Leuze von HSBC Trinkaus & Burkhardt liegt das Alter der Hauptklientel zwischen 30 und 50 Jahren. Was Berufsgruppen angehe, so sei "ein kleiner Prozentsatz mehr Akademiker" vorhanden, ergänzt Grünebaum. Jedenfalls zeichneten sich alle Optionsschein-Anleger durch Offenheit gegenüber neuen Medien wie dem Internet aus. Eine Untersuchung des Magazins "Börse Now" zeigt: Im Vergleich zu einem Aktienanleger verfügen Optionsscheinkäufer oft über ein breiteres Wissen, was die fundamentale oder technische Analyse der Märkte betrifft. Und: "Über 90 Prozent der Käufer sind Männer", schätzt Grünebaum. "Vielleicht können Frauen besser mit Geld umgehen? Oder sie schreckt die mathematische Ausrichtung der Produkte ab?" Leuze ist der Meinung, Frauen seien weniger risikofreudig. "Sie brauchen nicht den Nervenkitzel, den die Männer beim Optionsscheingeschäft suchen."

Bei der Suche nach einer vernünftigen Strategie steht vielen Investoren die Gier nach Gewinnen im Weg. Verwöhnt von Kursanstiegen in den letzten Jahren vermuteten sie, an der Börse könne es tendenziell nur bergauf gehen, stellt Grünebaum fest. Die Anleger seien geschockt, wenn Bewegungen der Kurse ihnen einen Strich durch die Rechnung machten. Aussitzen sei dann wegen des Zeitwertverfalls nicht sinnvoll, mahnt der Experte. Überdies beklagt er, dass sich manch ein Anleger von der Werbung blenden lasse und Derivate kaufe, obwohl er "noch nicht im richtigen Fahrwasser ist" - sprich: sich ausreichend informiert hat. "Klar sollte auch sein: Diese Informationen kann man sich nicht von heute auf Morgen aneignen", betont Grünebaum. So sollten Investoren mindestens ein Jahr lang die Börse beobachtet haben, bevor sie sich an Optionsscheine herantrauten. Außerdem sollten sie Trockenübungen (Preisverfolgung auf dem Papier) hinter sich haben.

Ein weiterer Strategiefehler: Auf der Jagd nach Rendite wechselten viele Anleger direkt von Anleihen in Termingeschäfte über, anstatt vorher mit Aktien Börsenerfahrungen zu sammeln. Darüber hinaus würden oft die Möglichkeiten des Hedgings (der Absicherung) falsch eingeschätzt, sagt Grünebaum. Vielfach sei es schwer, Scheine für die Aktienkombination des Anlegers zu finden. Über- oder Untersicherung bzw. der Aufbau einer neuen, spekulativen Position statt einer Absicherung seien die Folge. Auch stiegen Investoren mit zu hohen Beträgen ein. Der Experte rät weniger spekulativ veranlagten Derivatefans zu einer Depotobergrenze für Optionsscheine von zehn Prozent. Leuze betont: Auf Geschäfte mit Optionsscheinen sollten sich nur Anleger einlassen, die genügend Mittel als Spielgeld zur Verfügung haben.

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