Selbstverpflichtung statt Frauenquote : Jeder macht seins

Die Dax-Konzerne entgehen mit einer speziellen Selbstverpflichtung einer gesetzlichen Frauenquote. Gesamtmetall-Chefin Sons begrüßt die Regelung. Derzeit gibt es sieben weibliche Vorstände in 30 Dax-Konzernen.

von
Auf dem Weg nach oben? In den großen Unternehmen sind Frauen nur selten an der Spitze zu finden.
Auf dem Weg nach oben? In den großen Unternehmen sind Frauen nur selten an der Spitze zu finden.Foto: beyond fotomedia / vario images

Berlin - Bloß keine Quote, bloß nichts Verbindliches. Diese Strategie der Konzerne geht auf: Am heutigen Montag werden die Personalverantwortlichen der 30 großen deutschen Unternehmen, die den Börsenleitindex Dax bilden, eine freiwillige Selbstverpflichtung vorlegen und damit die Regierung ruhigstellen. „Im Rahmen eines Spitzengesprächs mit den Bundesministerinnen Kristina Schröder, Ursula von der Leyen und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sowie Bundesminister Philipp Rösler“ hätten die Firmenvertreter „eine Übersicht verbindlicher Zielvorgaben für die jeweiligen Unternehmen“ übergeben, heißt es in einer Erklärung, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Mit der Formel Selbstverpflichtung statt Quote hat sich Familienministerin Schröder (CDU) damit gegen Arbeitsministerin von der Leyen durchgesetzt. Und das begrüßt eine Frau in herausgehobener Position. „Neue Vorstandsressorts, die es bislang nicht gab und die auch nicht gebraucht werden, wurden geschaffen. Und es besteht die Gefahr, dass Frauen in ihrer Vorstandsposition, die sie nur aufgrund der Quote besetzen, scheitern. Das schadet dann wiederum der ganzen Idee“, sagte Gabriele Sons, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, dem Tagesspiegel.

Stattdessen wollen die Konzerne nun eigene Quotenziele vorlegen. Und dann „werden wir uns öffentlich Jahr für Jahr daran messen lassen, was wir tatsächlich erreicht haben“, wie BMW-Personalvorstand Harald Krüger sagte. Dazu soll im Geschäftsbericht „über den aktuellen Stand der Frauenförderung, den Grad der Zielerreichung und die dafür ergriffenen und geplanten Maßnahmen“ berichtet werden. Da, wo man richtig wichtig ist, sind Frauen bislang kaum zu sehen. So lag der Frauenanteil im Vorstand der 160 börsennotierten Unternehmen hierzulande zuletzt bei gut drei Prozent. „21 Frauen stehen 647 Männer gegenüber“, ermittelte die Hans-Böckler-Stiftung. Deshalb machte insbesondere Ursula von der Leyen (CDU) Druck, als sich die Ministerinnen im vergangenen März erstmals mit den Dax-Personalleuten trafen. „Ich erwarte mehr von den Unternehmen“, hatte von der Leyen damals gesagt. Das Ziel der Regierung, den Anteil von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu verdreifachen, sei mit den vagen Ideen der Konzerne kaum zu erreichen.

Nun also der nächste Versuch mit unternehmensspezifischen Versprechungen. Und mit einer Art Rückforderung an die Politik. „Auch Gesellschaft und Politik sind gefragt, denn solange es den Begriff ,Rabenmutter‘ gibt, bleibt die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf schwierig“, sagte Gesamtmetall-Chefin Sons. Voraussetzung für eine höhere Erwerbsquote von Frauen, für Sons ist das die Grundlage für mehr Frauen in Führungspositionen, sei die Ganztagsbetreuung im Kindergarten und in der Schule. „Das muss die Politik auf die Reihe kriegen.“

In diversen Projekten versuchten Firmen und Verbände weiblichen Nachwuchs zu rekrutieren. „Seit Jahren veranstalten wir nicht nur den Girls Day, und doch bleiben die Mädchen reserviert gegenüber unserer Branche. Der Ausbildungsberuf des Industriemechanikers zum Beispiel steht auf der Beliebtheitsskala der Jungs auf Platz drei, bei den Mädchen auf Platz 52“, sagte Sons. Und auch bei den Studienanfängern sieht es nicht viel besser aus. „Nur zehn Prozent der Erstsemester im Studiengang Elektrotechnik sind Frauen. Das ist viel zu wenig, um den Bedarf zu decken.“ Und wahrscheinlich auch viel zu wenig, um künftig in den Vorständen der Industrie eine Rolle zu spielen. Anders bei der Bahn: Bis 2015 soll dort jede fünfte Führungskraft weiblich sein; derzeit sind es 16 Prozent.

Die Schweizerin Barbara Kux ist bereits seit 2008 im Vorstand von Siemens und für die Themenfelder Nachhaltigkeit und Einkauf zuständig. Die Sparte setzt über 40 Milliarden Euro um. Kux hat Wirtschaft in Frankreich studiert und arbeitete unter anderem für Nestlé, McKinsey, Ford und Philips. Als einziger Dax-Konzern beschäftigt Siemens eine zweite Frau im Vorstand – die Österreicherin Brigitte Ederer als Personalchefin und Arbeitsdirektorin.Die Volkswirtin war mit 27 Jahren die jüngste Abgeordnete des Landes. 2001 wechselte sie dann zunächst in den Vorstand von Siemens Österreich.

Die ehemalige Bahnmanagerin Margret Suckale ist das erste weibliche Vorstandsmitglied bei BASF. Sie ist Arbeitsdirektorin der BASF SE und leitet gleichzeitig den Standort Ludwigshafen. Die Juristin war zuvor zwölf Jahre bei der Deutschen Bahn, unter anderem als Personalvorstand.

Kathrin Menges ist seit Oktober im Vorstand von Henkel für das Personal zuständig. Sie studierte Erziehungswissenschaften in Potsdam und arbeitete danach kurz als Lehrerin, bevor sie in den Personalbereich der Bankgesellschaft Berlin wechselte und vor neun Jahren bei der Henkel-Tochter Schwarzkopf anheuerte.

Christine Hohmann-Dennhardt, ehemalige Bundesverfassungsrichterin, wechselte Anfang 2011 in den Vorstand von Daimler. Sie leitet das neu eingerichtete Vorstandsressort „Integrität und Recht“, das die Korruption im Konzern bekämpfen soll.

Die Juristin Regine Stachelhaus ist bei Eon zuständig für Personal, Informationstechnik, Einkauf und Recht. Die Juristin war zuvor bei Hewlett Packard und Unicef Deutschland Geschäftsführerin.

Claudia Nemat wechselte erst vor drei Wochen in den Vorstand der Deutschen

Telekom
, wo sie Europa-Chefin ist. Damit verantwortet sie ein Drittel des gesamten Konzernumsatzes von gut 62 Milliarden Euro. Vorher war die Physikerin 17 Jahre Beraterin bei McKinsey. inh

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben