Selbstversorger : Das Geschäft mit den Singles

Wie sich die Wirtschaft auf den Trend zum Einpersonenhaushalt einstellt

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„Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut. Ihn stört in seinem Lustrevier kein Tier, kein Mensch und kein Klavier“, schrieb Wilhelm Busch im Jahr 1904 in seinem Gedicht „Der Einsame“.

Diese Weisheit scheinen auch die Deutschen zu beherzigen, die immer häufiger alleine wohnen. In knapp 40 Prozent der Haushalte hierzulande lebt nur eine Person, wie eine Bevölkerungsstudie des Marktforschungsinstituts GfK ergab. So viele Single-Haushalte gab es in Deutschland noch nie.

In Großstädten wie Berlin wohnen noch mehr Menschen allein: Dort liegt die Zahl der Single-Haushalte bei rund 54 Prozent. „Die wachsende Zahl der Einpersonenhaushalte spiegelt den demografischen Wandel wider. Gerade im Alter wohnen viele Menschen allein – sei es durch Tod des Partners oder Trennung. Zugleich gründen die Jungen immer später offizielle Lebensgemeinschaften oder gar Familien“, sagt Simone Baecker-Neuchl von der GfK Geo-Marketing. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung wächst besonders die Zahl der 35- bis 55-Jährigen sowie die der über 70-Jährigen, die allein wohnen.

Und das Leben im Single-Haushalt ist teuer. Miet- und Nebenkosten können genauso wenig geteilt werden wie Haushaltsgeräte oder Lebensmittel. Deshalb sind auch die Ansprüche an Produkte bei Alleinwohnenden anders. Die Wirtschaft stellt sich auf die zunehmende Zahl der Einpersonenhaushalte mit besonderen Angeboten ein.


WOHNUNGSWIRTSCHAFT

Zwischen 1991 und 2008 ist die Zahl der Haushalte mehr als viermal so stark angestiegen wie die Bevölkerung. Ein- bis Zweizimmerwohnungen werden nach Einschätzung des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) immer gefragter. „Die Nachfrage dürfte sogar auf vielen Wohnungsmärkten das Angebot übersteigen. Diesen Wohnungstypen wird der deutlich beste Marktwert eingeräumt“, sagt Verbandspräsident Lutz Freitag. Die Wohnungsnachfrage werde nicht vorrangig durch die Zahl der Einwohner bestimmt, sondern von der Zahl der Haushalte.

Die Immobilienunternehmen passen ihre Wohnungen an die veränderten Bedürfnisse an, zum einen durch Verkleinerung, zum anderen durch Service. „Der Trend zu Versingelung bedeutet auch, dass soziale Kontakte und unterstützende Dienstleistungen wichtiger werden, gerade bei älteren und weniger mobilen Bewohnern. Langfristig gibt es eine stärkere Nachfrage nach barrierearmen Wohnungen mit wohnbegleitenden Serviceangeboten sowie für gemeinschaftliche Wohnprojekte“, sagt Freitag. Begegnungsstätten, Notrufsysteme, oder hauswirtschaftliche Dienste sind im Kommen.

Zugleich gibt es nach Angaben der GdW einen Anstieg der Wohnfläche pro Kopf bei den älteren Einpersonenhaushalten. Das bestätigt auch Norbert Schneider, Präsident des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. „Die älteren Alleinstehenden bleiben meist nach Auszug der Kinder und dem Tod des Partners in ihrem Zuhause wohnen, in dem ja vorher eine ganze Familie gelebt hat“.

VERSICHERUNGEN

Fast alle Versicherer bringen spezielle Tarife für die vielen jüngeren und älteren Alleinlebenden auf den Markt. „Da die Zahl der Single-Haushalte steigt, ist die Nachfrage groß“, sagt Bianka Bobell, Beraterin beim Bund der Versicherten. Das gelte besonders für Privathaftpflichtpolicen und Rechtsschutzversicherungen. Verbraucher, die allein leben, können durch speziell auf sie zugeschnittene Pakete und Rabatte teilweise mehr als 30 Prozent sparen, fand das Verbraucherportal Toptarif.de heraus. Zum Beispiel bei der privaten Haftpflichtversicherung, die in der Regel den Ehepartner mitversichert. Das Portal fand hier Angebote für Singles, die im Jahr 19 bis 33 Prozent günstiger waren als der Basistarif. Auch beim Abschluss einer Rechtsschutzversicherung ist die Familie in der Regel mitversichert. Bei einem Versicherer kostet nach Angaben von Toptarif.de der Rechtsschutz für einen Angestellten rund 268 Euro im Jahr – Singles zahlen etwa 50 Euro weniger.

Für ältere Alleinlebende bieten viele Versicherer Seniorenpolicen an. Sie umfassen zusätzliche Pflegedienste, wie etwa die Versorgung mit Lebensmitteln oder einen Handwerkerservice. „Das ist die Antwort der Branche auf die vielen alleinstehenden Älteren“, sagt Stefan Albers, Präsident des Bundesverbands der Versicherungsberater. Auch Bevölkerungsforscher Schneider bestätigt die steigende Nachfrage nach Pflegedienstleistungen: „Sie entsteht aber nicht nur durch das Alleinwohnen, sondern auch durch die zunehmende Mobilität der Gesellschaft“, sagt Schneider. Die Kinder wohnten heute öfter weit weg oder hätten durch ihren Beruf weniger Zeit, ihre Eltern zu unterstützen. „Zudem gibt es weniger Kinder, die helfen können“, sagt Schneider.



SUPERMÄRKTE

Auch die Lebensmittelindustrie versucht, sich auf das veränderte Konsumverhalten der rund 16 Millionen Alleinlebenden in Deutschland einzustellen. „Kleine Haushalte suchen Lösungen für den Alltag und keine Zutaten“, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels. Weil viele Alleinlebende weniger kochen würden, gäbe es einen zunehmenden Wettbewerb zwischen Lebensmittelhandel und Gastronomie. „Der Handel versucht, die Singlehaushalte mit speziellen Angeboten zu binden. Deshalb hat sich das Bild der Supermärkte dramatisch verändert“, sagt Gerling. Viele Läden integrierten heute Cafés und Imbisse, böten kleinere Packungsgrößen und mehr Fertigprodukte, sogenannte Convenience-Lebensmittel. Dazu gehören die kleinen Hackfleischpackungen aus der Kühltheke, Smoothies, fertig geschnittene Salate, der Hackbraten mit Kartoffelbrei aus dem Kühlregal. „Wir erleben auch einen Boom im Frischebereich und eine Renaissance der Bedienungstheke. Dort könnten die Kunden genau nach ihren Bedürfnissen portionieren“, sagt Gerling. Zwischen 2000 und 2008 hat sich das Angebot von Frische- und Convenience-Produkten in den Regalen deutscher Supermärkte fast vervierfacht.

Obwohl sie nicht so viel kochen wie Familien, besitzen die meisten Alleinlebenden eine Grundausstattung an Haushaltsgeräten wie Spülmaschine, Herd oder Kühlschrank. Grundsätzlich werden durch die Zunahme an Einzelhaushalten mehr Elektrogeräte verkauft, heißt es beim Fachverband Haushaltsgeräte.



REISEVERANSTALTER

Nicht nur alleine wohnen, auch alleine reisen liegt im Trend. Die Umsätze mit Alleinreisenden sind in den vergangenen drei Jahren nach Angaben der GfK Travel Insights um rund elf Millionen Euro gestiegen. Die Erlöse mit Mehrpersonenreisen gingen im gleichen Zeitraum von knapp sieben Milliarden auf 6,6 Milliarden Euro zurück. Und Alleinreisende buchen häufiger teurere Urlaube als Leute, die mit mehreren Personen reisen.

Besonders die jüngeren, die allein leben, gelten als zahlungskräftige Konsumenten. „Sie gehen eher ins Restaurant, als selbst zu kochen, und sie geben sehr viel mehr Geld für Bekleidung und Kosmetik aus, weil sie sich noch auf dem Partnermarkt befinden“, sagt Bevölkerungsforscher Schneider. Unter den jüngeren Alleinwohnenden wollen nämlich nur vier Prozent dauerhaft allein leben, die meisten sind doch auf der Suche nach Zweisamkeit.

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