Wirtschaft : Senator-Aktionäre enteignen sich selbst

Um die Filmfirma zu retten, stimmen die Anteilseigner einem dramatischen Kapitalschnitt zu

Heike Jahberg

Berlin – Es ist keine Freude mehr, Aktionär bei Senator zu sein. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an. Keine Schokolade mehr bei der Begrüßung, keine Freikarte fürs Kino. Und auch die üppigen Büffets früherer Hauptversammlungen gehören der Vergangenheit an. Das magere Süppchen, das Insolvenzverwalter Ralf Rattunde spendiert hat, reicht nicht für alle. Nach einer halben Stunde ist der Topf leer.

Doch die Stimmung ist sowieso mies. Denn die 250 Aktionäre, die sich an diesem Donnerstag im Hotel Berlin zur außerordentlichen Hauptversammlung des Filmkonzerns Senator Entertainment treffen, haben nur die Wahl zwischen „Pest und Cholera“, sagt Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Sie sollen ihrer eigenen Enteignung zustimmen, um das Überleben des Konzerns zu ermöglichen. Aus zehn Senator-Aktien soll eine werden. Der radikale Kapitalschnitt soll es Großinvestoren ermöglichen, günstig in das Unternehmen einzusteigen und die Senator Entertainment AG samt ihrer Töchter weiterzuführen. Rattunde appelliert an die Aktionäre mitzuziehen: Das Unternehmen sei im Kern gesund, die Deutsche Bank, die die Kreditforderungen der anderen Banken übernommen hat, stehe zu dem Unternehmen, und es gäbe mehrere ernst zu nehmend Interessenten, die Senator nach der Entschuldung weiterführen wollten.

Die Aktionäre schwanken zwischen Wut und Resignation. Resignation, weil sie sowieso keine Wahl haben, und Wut auf das Management, das es so weit hat kommen lassen. Viele sind Rentner und haben ihre Aktien in den Boomjahren 1999 und 2000 zu Höchstkursen gekauft. Damals haben sie mehr als 30 Euro gezahlt, heute ist ihre Aktie gerade einmal 0,30 Euro wert – nach dem Kapitalschnitt sogar nur noch lächerliche 0,03 Euro. Dennoch stimmen mehr als 99 Prozent zu: „Was bleibt uns denn anderes übrig?“, fragt ein Rentnerehepaar. 5000 Euro haben sie bereits verloren, nun hoffen sie, wenigstens nicht alles abschreiben zu müssen. Doch genau das würde passieren, wenn der Senator-Konzern zerschlagen und liquidiert würde.

Schuld an dem Desaster ist nach Meinung der Anteilseigner vor allem einer: der langjährige Vorstandschef Hanno Huth. Ende Dezember, kurz bevor er den Chefposten an seinen Nachfolger Christopher Borgmann abgab, hatte Huth in einer Ad-hoc-Mitteilung noch von dem „geordneten Haus“ geschwärmt, das er Borgmann hinterlasse. Vier Monate später ging Senator in die Insolvenz – der einstige Star des Neuen Marktes hatte Produktionsfirmen und Filmpakete zu teuer gekauft. Hinzu kam der dramatische Wertverlust der Kinokette Cinemaxx, an der Senator mit über 25 Prozent beteiligt ist. Auch der Kassenschlager „Das Wunder von Bern“, von Senator produziert, konnte den Niedergang nicht aufhalten. Und der sieht so aus: Immer weniger Menschen gehen ins Kino, und auch die Fernsehanstalten zeigen immer weniger Filme. Das war zu viel für Senator.

Hinzu kämen „Größenwahn“, „Realitätsverlust“ und persönliche Eitelkeiten, sagt Aktionärsschützer Kunert und meint damit Ex-Chef Huth. Huth, der heute wieder als Filmproduzent in Berlin arbeitet, ist der meistgehasste Mann im Saal. Dennoch traut er sich in die Höhle des Löwen. Er sieht ein bisschen aus wie Harald Schmidt, wie er mit Anzug und offenem Hemd ans Rednerpult geht und erklärt, warum er das Desaster nicht hatte vorhersehen können. Und dass er selbst mehr als 4,5 Millionen Senator-Aktien besitzt – die jetzt ebenfalls nur noch ein Zehntel wert sind.

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