Wirtschaft : Sender-Fusion: Kirch allein zu Haus (Kommentar)

Joachim Huber

Das private Fernsehen in Deutschland ist gestern wieder ein Stückchen erwachsener, eigenständiger geworden. Künftig wird Fernsehen aus sich selbst heraus gemacht. Was einst als Verlegerfernsehen begann, endet als verlegerfernes Medium. Die baldige Gründung einer Senderfamilie aus Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 und N 24 zur ProSiebenSat 1Media AG geht einher mit dem Rückzug des Printhauses Axel Springer in die dritte Reihe. Springer wird noch 11,5 Prozent halten und vielleicht schon bald ganz aussteigen. Das Printunternehmen ist mit seinen TV-Engagements nicht glücklich geworden. Noch unglücklicher muss nicht sein.

Und Leo Kirch hat, allen Jubelstürmen seiner Angestellten zum Trotz, ein Problem. Er bringt in die neue Gesellschaft sein Pay-TV-Engagement mit ein, das in der KirchMedia GmbH & Co. KGaA, dem künftigen Hauptgesellschafter, steckt. Kirchs Pay TV ist nach wie vor ein Verlustbringer, jedoch hat sich Leo Kirch geschworen, dass er als letzter Jünger des Abo-Fernsehens in Deutschland diese Medienform zum kommerziellen Erfolg bringen wird. Damit das Minus aus dem Pay-TV gemildert wird, wird das künftige Free-TV-Paket von Kabel 1 bis Sat 1 der neuen Gesellschaft kräftig verdienen müssen. Das hat Springer erkannt - und reagiert. Leo Kirch regiert künftig ein Fernsehreich, aber er hat keine Vasallen mehr. Dafür kritische Aktionäre, bei denen sich die angekündigte Media AG das nötige Geld beschaffen muss.

Die frei empfangbaren Programme des neuen Fernsehkonzerns werden auf Kurs gebracht. Immer komplementär, niemals konkurrierend müssen die Sender arbeiten. Jedes Programm muss eine unverwechselbare Marke sein. Haben die Kirchs diese Potenz? Die letzte große Shoppingtour der Münchner hat PremiereWorld - siehe Fußball-Bundesliga - genutzt. Sat 1 darf ab der kommenden Saison bei "ran" nur nachberichten. Beim Abo-Fernsehen soll der Live-Sport, das Premieren-, das Premiumfernsehen stattfinden. Die neue Senderfamilie des Leo Kirch ist eine Geburt im Geist der Pay-TV-Visionen von Leo Kirch.

Das wird ein heikler Spagat. Der deutsche Fernsehzuschauer ist verwöhnt. Ob die RTL-Senderfamilie oder die öffentlich-rechtliche Konkurrenz - beide (Pay-TV-freien) Systeme locken das Massenpublikum mit Live-Fußball wie der Champions League bei RTL und Erstausstrahlungen. Es ist nicht ausgemacht, dass der Zuschauer sich in die neue Verwertungskette einspannen lässt - also zuerst als Abonnent bei PremiereWorld und zuletzt als Werbepotenzial bei Kabel 1 ausgenutzt zu werden.

Das Free-TV des Leo Kirch wird, da die Einkaufsware für die Senderfamilie nicht im bisherigen Umfang zur Verfügung stehen wird, höchst kreativ arbeiten müssen: Fernsehen aus dem eigenen Kopf, nicht aus dem Regal. Diese Qualität haben die Sender der künftigen Familie ebenso wenig nachgewiesen wie der künftige Vorstandsvorsitzende, der Schweizer Urs Rohner, seinen Fernsehverstand. Die Kirch-Senderfamilie ist eine Begradigung von Vertriebswegen. Hier liegt der Reiz, der augenscheinliche Gewinn. Entscheidend jedoch sind Inhalte.

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