Wirtschaft : Sergio Suter

Geb. 1948

Sarmina Ferhad

„La bella figura“ überall. Und die Maßstäbe setzte er und nicht die anderen. Ein Berliner Italiener. Ein italienischer Berliner. Ein Preuße mit Prinzipien: „la bella figura“ war so eins, eine Lebensästhetik, die sich durch Haltung und Würde auszeichnet. Eine gute Figur machen, äußerlich, aber auch durchs Verhalten, das subtile Verständnis fürs richtige Wort, den geeigneten Zeitpunkt.

Sergio Suter war der Sohn von Sergio Artisi. Der Vater kam bereits als Neunjähriger 1915 nach Berlin. Geboren in Bergamo folgte er dem Ruf von Onkel Piero, der damals schon Inhaber einer „Gelaterie Italiana“ war. Die Artisis gehören zu den Ur-Italienern in Berlin. Gründer der ersten Eisdielen und italienischen Restaurants; die Namen sind bis heute geblieben. „Gelateria Italiana“ hieß auch die Eisdiele, die Sergio Artisi 1936 in der Uhlandstraße eröffnete, „La Grotta“ ein Restaurant in der Bleibtreustraße. Sergios Vater war Restaurant-Begründer, ein Unternehmer, der am Aufbau und nicht an der Geschäftsführung Freude hatte. Wenn sie florierten, verkaufte er seine Geschäfte. Der Patriarch war ein Filou mit dem standesgemäßen schmalen Oberlippenbart.

Sergios Mutter, so zeigen es nicht nur die Familienfotos, so berichtet es auch seine Ehefrau Irene Schumacher, war ein Kind. Mit 17 lernte sie den viel älteren italienischen Geschäftsmann kennen. Für Sohn Sergio wünschte sich Frau Suter, dass er ein bürgerliches Leben führen sollte, und verschaffte ihm eine Ausbildung zum Floristen. Aber Sergio wollte was ganz anderes, wenn auch zunächst nicht klar war, was. Hauptsache hinaus aus dem piefigen Charlottenburger und Wilmersdorfer Leben.

Es waren die sechziger Jahre, und Sergio war fasziniert von der neuen Ästhetik und der wilden Kunst. Geld verdienen, das bekam er schnell heraus, konnte man mit bunten Hosen, nicht irgendwelchen, sondern denen mit dem Megaschlag, wie sie die Leute zum Beispiel im Pimps Club in der Knesebeckstraße trugen. Mit der Schneiderei verdiente er sich das Geld, das er fürs wilde Leben brauchte und für die neuesten Motown-Musikimporte aus Frankreich.

„La bella figura“ überall: Nur vom Feinsten sollte alles fortan sein, alles ganz und möglichst richtig und nichts Halbes. So lebte er dreiunddreißig Jahre lang mit seiner Freundin und späteren Ehefrau Irene Schumacher in stillem Einvernehmen darüber, dass Broterwerb und gegenseitige Liebe und Respekt nicht alles sind, sondern die Kunst der perfekten Alltagsgestaltung das Leben adelt. Sergio, der Autodidakt und Perfektionist malte jeden Tag an seinen Bildern. Wenn die Galerien sie nicht wollten – ganz egal. In der Charlottenburger Wohnung hingen sie auch gut. Die Maßstäbe setzte schließlich er und nicht die anderen.

Irene ging arbeiten, und Sergio war damit beschäftigt, das Lebensumfeld auf Niveau zu halten. Er suchte den besten Kaffee der Stadt, er fahndete auf Flohmärkten nach Geräten, deren Ästhetik und Funktionalität bestechend waren. Schuhweiter konnten das sein, Espressomaschinen oder Toaster.

Sergio konnte alles und überall, erzählt Irene, er war Alltags-Manager und Künstler. Vielleicht konnte er ja auch zu viel. Denn: die Konzentration, die fiel ihm schwer.

Im letzten Winter begannen Sergios Schmerzen, und sie wurden immer heftiger. Die Wirbelsäule, so vermutete man. Im Frühjahr erhielt er die Diagnose, Krebs im Endstadium. Zu seiner letzten Reise animierte ihn ein Bild an der Wand seines Krankenzimmers: Einmal noch Italien. Es kam nicht mehr dazu.

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