Wirtschaft : Serono statt Schering

In Berlin kam Merck nicht zum Zuge, nun kaufen die Darmstädter für elf Milliarden Euro in der Schweiz zu

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Nur fünf Monate nach der gescheiterten Übernahme von Schering ist der Darmstädter Pharma- und Chemie-Konzern Merck in der Schweiz fündig geworden: Für rund 10,6 Milliarden Euro kauft das Unternehmen den renommierten Biotechnologie-Konzern Serono, wie Merck am Donnerstag mitteilte. Eigentümer von Serono ist die Familie Bertarelli, die 64,5 Prozent des Kapitals und 75,5 Prozent der Stimmrechte hält.

Mit dem Zusammenschluss entstehe „eine strategisch überzeugende Kombination mit der Größe für den globalen Pharmawettbewerb“, sagte Merck-Chef Michael Römer. Serono ist das weltweit drittgrößte Biotechnologieunternehmen. Obwohl Merck damit seine Lücke in der Pharmasparte weitgehend schließt, blieben Analysten und Börse skeptisch: Der Aktienkurs von Merck rutschte am Donnerstag um 4,67 Prozent auf 74,70 Euro ab. Grund für die Skepsis ist der als zu hoch angesehene Preis. Mittel- und langfristig beurteilen Analysten den Kauf allerdings durchaus positiv.

Merck sieht die Vorzüge der Übernahme vor allem in einem Forschungsbudget von zusammen einer Milliarde Euro pro Jahr, in der globalen Vertretung des neuen Unternehmens mit dem Marktzugang in den USA und in der weltweit führenden Biotech-Produktion. Durch das Forschungsbudget könne man sich einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten. Beide Unternehmen ergänzten sich mit 28 Substanzen perfekt in der Entwicklung, sagte Merck- Chef Römer. Bis 2009 wollen die Darmstädter Synergien im Umfang von rund 100 Millionen Euro heben. Römer sagte, Kostensenkungen stünden nicht im Vordergrund. „Es gibt allenfalls in ein paar Ecken Überlappungen.“ Auch der Stellenabbau sei nach jetzigem Stand nicht geplant.

Finanziert werden soll der Kauf durch ein Darlehen, eine Anleihe und eine Kapitalerhöhung, die zwei bis 2,5 Milliarden Euro bringen soll. Die Eigentümerfamilie von Merck, die 73 Prozent der Anteile hält, beteiligt sich an der Finanzierung mit rund einer Milliarde Euro. Diesen Betrag hatte sie auch für die angestrebte Übernahme von Schering zugesichert. Im Februar 2007 soll der Kauf von Serono abgeschlossen sein. Probleme mit dem Kartellamt erwartet Merck nicht. Pro Aktie bieten die Darmstädter den Serono-Aktionären 1100 Franken, das sind 20 Prozent mehr als der letzte Kurs.

Durch den Zusammenschluss entsteht ein Unternehmen mit weltweit 34 000 Mitarbeitern, 29 000 von Merck und rund 4800 bei Serono. Der addierte Umsatz lag 2005 bei knapp acht Milliarden Euro. Die Pharmasparten beider Unternehmen sollen künftig unter dem Namen Merck-Serono Biopharmaceuticals mit Sitz in Genf geführt werden, der Umsatz liegt dann bei 3,6 Milliarden Euro.

Die Pharmasparte von Merck konzentriert sich auf Präparate zur Behandlung von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen. Serono widmet sich Medikamenten gegen Multiple Sklerose,Unfruchtbarkeit, Schuppenflechte sowie Wachstums- und Stoffwechselstörungen.

Merck verbuchte 2005 vor allem auch durch die glänzenden Geschäfte der Chemiesparte insbesondere mit Flüssigkristallen für Flachbildschirme einen Gewinn von 673 Millionen Euro. Serono dagegen musste bedingt durch hohe Schadenersatzzahlungen in den USA einen Verlust von 106 Millionen Dollar hinnehmen. Ende Juli hatten die Schweizer aber dann einen Halbjahresgewinn von 369,2 Millionen Dollar ausgewiesen bei einem Umsatz von 1,37 Milliarden Dollar. Haupt-Umsatzträger ist das Multiple-Sklerose-Medikament Rebif, dessen Erlöse um gut elf Prozent auf 688 Millionen Dollar stiegen.

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