Sexismusdebatte : „Männer sind sensibler geworden“

Die Ombudsfrau bei der Bahn, Birgit Gantz-Rathmann, spricht im Interview über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, selbstbewusste Frauen und Führungsqualitäten.

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Birgit Gantz-Rathmann arbeitet seit sechs Jahren als Ombudsfrau bei der Deutschen Bahn.
Birgit Gantz-Rathmann arbeitet seit sechs Jahren als Ombudsfrau bei der Deutschen Bahn.Foto: promo

Frau Gantz-Rathmann, Sie sind seit sechs Jahren Ombudsfrau bei der Deutschen Bahn für knapp 200 000 Mitarbeiter. Wie viele Fälle von sexueller Belästigung sind an Sie herangetragen worden?

Genau kann ich das nicht sagen, weil wir keine Akten dazu sammeln. Aber ich schätze, dass es in den vergangenen sechs Jahren vielleicht zehn Fälle waren. Das ist bei mir eher ein Ausnahmethema. Und selbst wenn die Frauen kommen, wollen sich manche nur aussprechen.

Aus Angst?
Eher aus Scham. Einige sagen, dass sie den Stempel des Opfers nicht wollen. Ich versuche dann klarzumachen, dass eine Frau, die sich wehrt, kein Opfer ist. Sogar in unserer Betriebsvereinbarung steht, dass wir es begrüßen, wenn Probleme und Konflikte offen angesprochen werden. Wir versuchen alles, um Ängste zu nehmen. Aber wir können auch niemanden zwingen.

Worum ging es in den Belästigungsfällen?
Bei den wenigen Fällen kommt die ganze Bandbreite vor, Belästigungen durch Führungskräfte, Kollegen. Wenn Vorgesetzte Untergebene belästigen, ist das natürlich wegen des Machtverhältnisses besonders schlimm.

Was sind die Konsequenzen?
Die Möglichkeiten, Konfliktfälle unterschiedlicher Art zu lösen, sind oft ähnlich. Wenn die betroffene Frau ihren Fall öffentlich machen will, würde ich an die jeweilige Personalabteilung herantreten. Sie befragt dann den Beschuldigten und spricht mit eventuellen Zeugen. In solchen Fällen achten wir darauf, dass nicht die Betroffenen, sondern die Täter die Abteilung verlassen. So gab es einmal einen Fall, da musste einer das Unternehmen verlassen. In einem anderen Fall gab es eine Versetzung in eine andere Stadt.

Haben Sie durch die Debatte, die die Äußerungen von Rainer Brüderle ausgelöst haben, mehr Fälle?
Nein, es hat sich nichts verändert.

Und in den vergangenen Jahren?
Ich bin seit 16 Jahren im Unternehmen, einen Großteil davon habe ich in Führungspositionen gearbeitet. Besonders in den vergangenen zehn Jahren habe ich eine unheimliche Veränderung bemerkt. Die Frauen sind quer durch alle Altersklassen viel selbstbewusster geworden, sie lassen sich nicht mehr alles gefallen.

Und die Männer?
Auch hier gibt es einen Wandel, die Männer sind sensibler geworden. Es ist heute keineswegs mehr so, dass alle Männer mitlachen, wenn einer einen sexistischen oder frauenfeindlichen Spruch loslässt.

Gibt es bei der Bahn auch Belästigung gegenüber Männern?
Bis jetzt ist kein Fall an mich herangetragen worden, aber ich bin mir sicher, dass es das in einem großen Konzern auch geben kann.

Gibt es auch einen männlichen Ansprechpartner im Unternehmen?
Bisher hat noch kein Mann Abstand von einem Gespräch mit mir genommen, weil ich eine Frau bin. Viele schütten mir ihr Herz aus. Ich habe den Eindruck, dass es für Männer auch leichter sein kann, einer Frau gegenüber Schwäche zu zeigen, als einem Mann gegenüber. Wer will, kann sich aber auch an unsere MUT-Hotline, wenden, wo den Mitarbeitern der Bahn Sozialarbeiter und Psychologen zur Verfügung stehen.

Was sind die großen Themen, mit denen Mitarbeiter sich an Sie wenden?
Pro Jahr kommen ungefähr 400 Leute zu mir, davon sind – wie auch generell in unserem Unternehmen – rund 20 Prozent Frauen. Die Probleme unterscheiden sich unter den Geschlechtern kaum. Bei beiden sind große Themen oft mangelnder Respekt und fehlende Wertschätzung. Manche kommen mit ganz konkreten Geschichten, weil der Urlaub nicht genehmigt wurde, weil sie das Gefühl haben, dass sie trotz gleicher Qualifikation weniger schnell befördert werden als Kollegen oder dass sie immer die Nachtschichten zugeteilt bekommen.

Woran liegt es, dass sich die Mitarbeiter nicht wertgeschätzt fühlen?
Wertschätzung und Unternehmenskultur – da sind wir seit drei Jahren intensiv dran. Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Oft fehlt die Zeit für den persönlichen Austausch mit den Mitarbeitern. Zu viel wird noch über E-Mails geregelt, statt einfach mal bei einem Kollegen vorbeizugehen, und das birgt dann die Gefahr des Missverständnisses. Seit einigen Jahren versuchen wir, die Kultur zu verändern, das treiben vor allem der Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube und Personalvorstand Ulrich Weber voran.

Wie definieren Sie Unternehmenskultur?
Wir haben neben den Gesetzen, die ohnehin gelten, klare Regeln und Führungsgrundsätze bei der Bahn. Der Vorstand wünscht sich einen offenen, vertrauensvollen Umgang. Dabei geht es auch darum, dass Fehler möglich sind und dass man sich offen, kritisch, konstruktiv und fair miteinander austauscht. Aber bis das in einem so großen Unternehmen mit so vielen Mitarbeitern funktioniert, dauert das natürlich. Meine Rolle ist es, darauf zu achten, dass Regeln und Leitsätze mit Leben erfüllt und umgesetzt werden.

Wird denn genug getan für ein gutes Klima bei der Bahn?
Wir machen unheimlich viel. So gibt es zum Beispiel Seminare, die sich mit Konfliktverhalten beschäftigten. Wer Schwierigkeiten hat, kann auch ein Einzeltraining bekommen. Zudem habe ich ein Team aus rund 60 Mediatoren aufgebaut, das in Konfliktsituationen vermitteln kann, gemeinsam mit Psychologen oder Betriebsärzten, wenn das nötig ist. Eine aktuelle Mitarbeiterbefragung, an der sich 61 Prozent der Beschäftigten beteiligt haben, hat aber ergeben, dass wir noch mehr tun müssen. Die Mitarbeiter wollen stärker eingebunden werden, sie wollen, dass ihre Ideen und Vorschläge mehr berücksichtigt werden.

Was sollte sich bei der Bahn und in den Unternehmen generell ändern?
Die Belegschaften in den Konzernen sind noch immer viel zu homogen. Meiner Meinung mach sind gemischte Teams mit alten und jungen Kollegen, mit Frauen und Männern sowie verschiedenen Kulturen das Ideal, das wir auch bei der Bahn anstreben. Wenn das gewährleistet ist, sind wir schon auf einem guten Weg. Zudem ist es wichtig, dass eine offene Kultur in den Firmen etabliert wird, in der unterschiedliche Meinungen berücksichtigt werden und Raum für Austausch und Konflikte ist. Die stark männlich geprägte Kultur, die auch bei der Bahn jahrzehntelang vorherrschte, ist nicht mehr zeitgemäß.

Welche Fähigkeiten sind in Ihrem Job besonders wichtig?
Obwohl ich jahrelang erfolgreich als Führungskraft tätig war, bin ich zu Beginn meiner Zeit als Ombudsfrau immer wieder an meine Grenzen gestoßen. Denn ich habe viel zu schnell Lösungsvorschläge gemacht. Deshalb habe ich noch einmal einen Master in Mediation gemacht. Dabei habe ich die entscheidenden Gesprächstechniken erlernt: sich Zeit nehmen und genau zuhören.

Birgit Gantz-Rathmann (63) war acht Jahre lang als Arbeitsrichterin tätig. Seit 1992 ist sie bei der Bahn. Als Ombudsfrau kümmert sie sich seit 2006 um die Belange der Mitarbeiter.

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