Wirtschaft : Shahnaz Aalami

Geb. 1926

Thomas Loy

Im Iran lernte sie, wie gefährlich der Protest sein kann. In der DDR dachte sie zunächst, Protest sei möglich Wie mein Leben war?

Eine Blume, die jung verwelkte

Ein Stern, der nicht leuchtete

Ein Brief, der nicht ankam

Eine Tür, die sich nicht öffnete

Ein Blick, der in die Ferne schweifte

Eine Festtafel, die abgeräumt wurde,

ehe noch Gäste kamen

Wie mein Leben war?

Ein Blitzstrahl, den der Schlund des Taifuns verschlang.

Dieses Gedicht schrieb sie für Fati – so, als wäre es von Fati geschrieben. Das Mädchen, das einmal ihre beste Freundin war, lenkte noch ihre Feder, als es längst gestorben war, elend im Staub der Armut, wie eine zertretene Blume. An Fatis Krankenlager saß sie vor vielen Jahren, stumm, hilflos. Dabei hätte sie schreien sollen, die Knechtschaft in den Dörfern des Iran verfluchen. Aber sie gehörte ja zu den Herren.

Die Geschichten vieler Fatis brauchte es, um ihrem Zorn und ihrer Passion eine Richtung zu geben. Fati, die Teppichknüpferin, wurde mit 12 Jahren einem Mann zur Frau gegeben, der 35 Jahre älter war. Fati wurde schwanger und starb im Kindbett. Eine andere Fati, noch ein Kleinkind, starb an Diphtherie, weil ihre Mutter kein Geld für einen Arzt hatte. Ihre Cousine, Achtar, nahm sich das Leben, als sie zur Strafe für eine ungewollte Schwangerschaft an einen alten Mulla verheiratet werden sollte.

Shahnaz Aalami schreibt: „Jedes Jahr, wenn wir ins Dorf kamen, berichtete der Pächter, um wie viele Schafe sich unsere Herde vermehrt hatte, und wie viele Leute, die auf unseren Feldern gearbeitet hatten, in der Zwischenzeit gestorben waren. Die zweite Zahl war immer höher als die erste, und das betrübte meine Mutter sehr. Denn der Verlust von Menschen bedeutete einen Verlust von Einkünften.“

Shahnaz grollte gegen ihren Gott, ihre Familie und gegen sich selbst, denn sie war ja mitschuldig geworden. Ihre Familie war reich. Im Dorf Tsham gehörten ihrem Vater eineinhalb Sechstel des Landes. Der Pächter musste von der kargen Ernte vier Fünftel abgeben und jedes Mal, wenn Shahnaz mit ihrer Familie ins Dorf kam, drei Tage lang ein prächtiges Essen auftischen, während seine eigenen Kinder Hunger litten.

Shahnaz löste sich von ihrer Familie, studierte Sprachen in Teheran und trat in die sozialistische Partei des Iran ein. Sie schrieb kritische Artikel in einer linken Zeitung. Darin traten selten benutzte Wörter auf, „Demokratie“ und „Gerechtigkeit“ zum Beispiel. Shahnaz wurde verhaftet und zusammen mit 30 Frauen in ein Gefängnis gesperrt. Es waren Prostituierte, Diebinnen und Mörderinnen. Ein Gefängnis für politische Häftlinge weiblichen Geschlechts gab es nicht. Dagegen protestierte Shahnaz, bis sie entlassen wurde.

Das Gefängnis und die traurigen Geschichten ihrer Mitgefangenen hatten sie in ihrem politischen Eifer noch bestärkt. Als ihr Ehemann, der das Zentralorgan der sozialistischen Partei herausgab, verhaftet und zum Tode verurteilt wurde, ging sie in den Untergrund. Ihre Familie forderte sie auf, sich von ihm öffentlich zu distanzieren – und Shahnaz tat das Gegenteil. Der iranische Geheimdienst versuchte, ihr Kind zu entführen, um sie zu erpressen. Shahnaz besorgte falsche Pässe und flüchtete mit dem Kind zu Freunden in die Schweiz. Da war sie 28 Jahre alt. Eine Diktatur hatte sie überstanden, eine weitere stand ihr bevor.

Sie bewarb sich an Universitäten in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Und sie bekam ein Angebot aus Ost-Berlin. So ging sie 1954 in die DDR, studierte an der Humboldt-Universität und arbeitete für die „Internationale Demokratische Frauen-Föderation“. Endlich schien sie angekommen unter Gleichgesinnten in einem klassenlosen Staat, der allen Bürgern ihr Auskommen sichern wollte. Sie sprach kaum Deutsch, wohnte in einer Villensiedlung für Ausländer, und es dauerte wieder einige Jahre und viele Geschichten lang, bis sie bemerkte, dass es auch im DDR-Sozialismus Herren gab. Hier nannte man sie Leitungskader. Sie waren nicht annähernd so reich und grausam wie jene im Iran, aber sie waren nicht minder verlogen. Als Ausländerin gehörte Shahnaz aus Sicht der einfachen Leute auch dazu.

Sollte sie wieder agitieren, wider den „roten Glauben“ streiten, der sich hier im tristen Grau zeigte? Sie zweifelte und schwieg. Dieses Land hatte sie doch aufgenommen. Dieses Land durfte sie bei vielen Kongressen im Ausland vertreten. Als ihr Kind ohne ihr Wissen ins Heim gegeben wurde, um ihm eine sozialistische Erziehung angedeihen zu lassen, protestierte sie. Nach einem halben Jahr bekam sie es wieder. Man war nicht machtlos in diesem Land, so schien es.

25 Jahre lief das Leben der Shahnaz Aalami in ruhiger Bahn. Ihr Mann, der inzwischen begnadigt und amnestiert worden war, schickte Briefe aus dem Iran, verschwieg allerdings, dass er eine andere Frau geheiratet hatte. Shahnaz hoffte auf eine Rückkehr, irgendwann. Dann wurde der Schah gestürzt und die islamische Revolution im Iran ausgerufen. Zu dieser Zeit kündigte Shahnaz ihre Mitgliedschaft in der Sozialistischen Partei Irans, weil sie deren Moskau-treue Linie nicht unterstützten wollte. Eine Woche später kam ein Stasi-Major in die Wohnung der Aalamis und empfahl ihnen dringend auszureisen. Diesmal blieb der Protest erfolglos.

Ein Neuanfang in West-Berlin. Shahnaz webte um ihre kulturpolitischen Ideen wieder ein Netzwerk von Menschen, die ihr helfen und assistieren sollten. Darin war sie sehr begabt. Sie gründete einen iranisch-deutschen Verein und eine persische Schule; die Schulbücher schrieb sie gleich selbst. Sie begann auch, ihre Gedichte zu veröffentlichen. Mit jedem Jahr, das sie älter wurde, wuchs ihre Sehnsucht nach den Träumen der Scheherezade, nach den Ruinen von Persepolis, nach dem Frühling und den Kindern von Tsham. Zuletzt schmerzten ihre Knochen, sie kam ins Krankenhaus, ein wichtiges Organ versagte seinen Dienst, sie starb.

Meinen Sarg auf den Schultern,

irrte ich in den Gassen des Daseins umher und suchte mein Grab…

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