Showtime im Stahlwerk : Thyssen-Krupp baut gigantische Fabrik in Alabama

Ab Ende 2012 will Thyssen-Krupp mit 2700 Mitarbeitern in Alabama Stahl bearbeiten. Die neue Fabrik ist die zweitgrößte Investition in 200 Jahren Konzerngeschichte.

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Heavy Metal. Blick in Thyssens neues Riesenwerk, knapp 50 Kilometer nördlich der US-Küstenstadt Mobile am Golf von Mexiko.
Heavy Metal. Blick in Thyssens neues Riesenwerk, knapp 50 Kilometer nördlich der US-Küstenstadt Mobile am Golf von Mexiko.Foto: dpa

Natürlich Lynyrd Skynyrd. Die Streicher des Symphonieorchesters aus Mobile, mit 300 000 Einwohnern weit und breit die größte Stadt in der Gegend, spielen die Hymne des Südstaates an. Mehr nicht, nur eine Art akustisches Lockmittel für etwas viel Größeres. Dann, nach wenigen Augenblicken Violinkonzert, verschwindet die große Leinwand und gibt den Blick frei auf die Softrockhelden der 70er Jahre: Lynyrd Skynyrd stehen jetzt leibhaftig auf der Bühne und spielen ihren weltberühmten Song: Sweet Home Alabama.

Zwei Stunden zuvor hatte Ekkehard Schulz, Vorstandschef von Thyssen-Krupp, die Gäste in der Halle des neuen Stahlwerks zur Grand Opening Ceremony begrüßt. Gefeiert wird die größte Investition eines deutschen Unternehmens in den USA. „Big wheels keep on turning“, zitiert Schulz aus der ersten Strophe von Sweet Home Alabama. „Das gilt ab heute auch für unseren Konzern.“ Zum Ende seiner Amtszeit, im Januar wechselt er in den Aufsichtsrat, dreht der 69-Jährige tatsächlich ein großes Rad. Im Juni hat Schulz das neue Hüttenwerk in Brasilien in Betrieb genommen. Gut fünf Milliarden Euro hat der Konzern dort investiert und neben Duisburg ein zweites Standbein, einen zweiten Standort zur Produktion von Rohstahl geschaffen.
Brasilien produziert zwar um rund zehn Prozent günstiger als Duisburg, ist aber kompliziert: Das Werk, in Mangrovensümpfen in der Nähe einer Eisenerzmine gebaut, wurde viel teurer als gedacht; Korruption und Kriminalität machen den Deutschen zu schaffen, Umweltaktivisten nerven (siehe unten). In den USA ist das anders. Hier im Südosten, wo die Menschen sehr gläubig sind und wo Gewerkschaften kein Bein auf die Erde kriegen, ist alles gut. Die Anlage liegt mit 3,2 Milliarden Euro ziemlich im Plan. Hier ist man unter Freunden und freut sich über eine gigantische Fabrik. Viermal so groß wie der New Yorker Central Park ist das Gelände, auf dem der Konzern die – nach Brasilien – zweitgrößte Investition in der bald 200-jährigen Unternehmensgeschichte tätigte.

Natürlich spielte Geld eine Rolle, als sich Thyssen-Krupp 2006 für Alabama entschied. Mit gut 800 Millionen Dollar beziffert das Unternehmen die vom Bundesstaat gewährten Hilfen: niedrige Steuern, Ausbau von Straßen und Häfen, günstiges Gelände, Beteiligung an den Kosten zur Qualifizierung der Arbeitskräfte. Wenn alles fertig ist und in Betrieb, vermutlich Ende 2012, sollen hier 2700 Personen Stahl bearbeiten. Einige hundert von ihnen wurden in deutschen Werken geschult, damit Thyssen-Krupp auch auf der grünen Wiese Alabamas dem eigenen Anspruch gerecht wird: Marktführer bei Qualitätsstahl.

Goldgelb glänzen die Brammen auf dem Förderband. Diese Stahlblöcke, acht bis neun Meter lang, einen guten Meter breit, etwa 20 Zentimeter dick und bis zu 36 Tonnen schwer, sind gut 1200 Grad heiß. Auf der 700 Meter langen Warmbandanlage werden sie jetzt lang und platt gemacht: Aus acht Metern wird am Ende ein Kilometer, eine Art Stahlblech, bis zu einem Millimeter dünn und auf Rollen gewickelt. Allein diese Warmbandanlage hat 1,5 Milliarden Dollar gekostet - und der laufende Aufwand ist auch beachtlich: Der Stromverbrauch liegt in etwa auf dem Niveau einer Stadt mit 500 000 Einwohnern. Gebaut ist die Halle auf einem anderthalb Meter starken Betonfundament, das wiederum auf 11000 Betonpfählen ruht, die bis zu 16 Meter tief in den Grund reichen. Die Pfähle müssen sein, denn hier, etwa 30 Meilen entfernt vom Golf von Mexiko steht das Grundwasser hoch und sind gewaltige Belastungen zu verkraften.
Bis zu 30 000 Arbeiter haben in den vergangenen drei Jahren das Werk hochgezogen und dabei unter anderem 750 000 Kubikmeter Beton gegossen und so viel Stahl verbaut wie für zehn Eiffeltürme. Vorstandschef Schulz erklärt, warum man sich für diesen Platz entschieden hat. Vor allem die Lage am Tombigbee River, der hier doppelt so breit ist wie der Rhein und in den Golf mündet. Die Brammen können vom brasilianischen Werk mit dem Schiff direkt bis an die US-Fabrik geliefert werden. Von den fünf Millionen Tonnen Rohstahl, die pro Jahr in Brasilien gegossen werden, landen drei Millionen in Alabama, die übrigen werden zu deutschen Werken verschifft.

„Ein Teil unserer Kunden hat seinen Sitz hier im Südosten der USA“, sagt Schulz: Mercedes, BMW, Toyota und Hyundai – sie alle haben Werke in der Gegend. Auch weil hier, anders als in Detroit, die Gewerkschaften keine Rolle spielen und die Arbeitskräfte günstig sind. Das Jahresgehalt eines Stahlwerkers bei Thyssen-Krupp in Alabama liegt im Schnitt bei 50 000 Dollar (knapp 38 000 Euro) – das ist rund ein Viertel weniger als in Deutschland. Doch die Arbeitskosten sind nicht der springende Punkt, denn in der Stahlproduktion machen sie nur neun Prozent der Gesamtkosten aus.

Wichtiger ist für Thyssen-Krupp die Präsenz auf einem großen Markt. Schulz glaubt „an die Renaissance der amerikanischen Industrie“ und damit an eine starke Nachfrage für „Stahl als wichtigsten industriellen Werkstoff“. Der Anteil der Industrie an der gesamtwirtschaftlichen Leistung ist in den USA auf 16 Prozent gesunken, in Deutschland liegt er bei 25 Prozent. Doch Schulz sieht die USA „auf gutem Wege“, vor allem in der Autoindustrie und dem Maschinenbau.
Hilfreich war die Politik, vor allem der Gouverneur Alabamas, Bob Riley, ohne den „wir dieses Projekt nicht hätten verwirklichen können“, wie Schulz sagt. Und so ist denn auch an diesem Abend der großen Eröffnung viel die Rede von Freundschaft und Partnerschaft. Der Gouverneur ist selbstverständlich zugegen, ein Republikaner mit Cowboystiefeln, der sich bei seinem Freund Ekkehard für die „sehr zuverlässige Zusammenarbeit“ bedankt, die nun zu einem der „beeindruckendsten Erlebnissen“ in seinem Politikerleben geführt habe. Wir sind in Amerika, hier kann man Pathos.
Schulz gibt die Blumen zurück und relativiert dabei die Bedeutung der harten Standortfaktoren so, wie es die Amerikaner lieben: Sicher, die Förderung durch die Politik sei wichtig gewesen, die Nähe zum Golf und der Hafen sowie das große Reservoir an Arbeitskräften. Der wahre Grund für Alabama seien aber „die köstlichen Crêpes von Mrs. Riley“, die der Vorstandsvorsitzende in den vergangenen Jahren offenbar häufiger gekostet hat. Kochkünste haben also „Weltklassefirmen“ (Schulz) nach Alabama gelockt.
Das gefällt den mehr als 3000 Gästen der Grand Opening Party. Aus Washington ist der deutsche Botschafter angereist. Und sogar Barack Obama war kurz als Partygast im Gespräch. Das hat dann aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Aber immerhin Lynyrd Skynyrd sind da und spielen eine Handvoll Songs, Südstaatenklassiker. Showtime im Stahlwerk. Oder, mit den Worten von Schulz, „Steel Home Alabama“.

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