Wirtschaft : Sich einfühlen

Pädagogen für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche sind in ganz Deutschland gefragt.

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Mit allen Sinnen. Wer blinde oder sehbehinderte Kinder unterrichten will, braucht soziales Engagement und Phantasie. Die Lehrer müssen eine Ahnung davon haben, wie es ist, nicht sehen zu können. Foto: dpa
Mit allen Sinnen. Wer blinde oder sehbehinderte Kinder unterrichten will, braucht soziales Engagement und Phantasie. Die Lehrer...Foto: picture-alliance/ dpa

Die Simulationsbrille hilft: Wer sie aufsetzt, ahnt, wie es ist, nicht oder nur sehr wenig sehen zu können. „Obwohl man sich das ja nie hundertprozentig vorstellen kann“, sagt Annika Hortig. Die 23-Jährige hat solche Brillen in den vergangenen Jahren häufiger getragen, oder mit verbundenen Augen gekocht. Sie hat die Blindenschrift gelernt und den Umgang mit technischen Hilfsmitteln, die blinden und sehbehinderten Kindern das Lernen erleichtern.

Noch zwei Semester, dann hat Annika Hortig ihren Abschluss im Masterstudium Sonderpädagogik und kann ihr Referendariat beginnen. Den sechssemestrigen Bachelor „Rehabilitationswissenschaften mit Lehramtsoption“, der an der Humboldt Universität in Berlin angeboten wird, hat sie bereits absolviert. Die Studienplätze der Rehawissenschaften mit Lehramtsoption sind sehr begehrt: Auf die rund 100 Plätze haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder mehrere hundert Interessenten beworben.

Den Studiengang hat sie gewählt, weil sie gerne mit Kindern arbeiten wollte – und es in ihrem Freundeskreis einen blinden Jungen gibt. Damit geht es ihr wie der großen Mehrheit der Studierenden: Die meisten hatten in der Familie, dem Bekanntenkreis oder während des Zivil- oder Freiwilligendienstes viel Kontakt zu Menschen mit einer Behinderung.

Nach Ansicht des Verbands für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik (VBS) interessieren sich allerdings noch längst nicht genügend junge Menschen für diese Ausbildung. Im August schlug der Verband Alarm: „Durch altersbedingtes Ausscheiden gehen den Schulen bis 2020 bundesweit mehr als 700 Spezialpädagogen für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik verloren“, sagt der Vorsitzende Dieter Feser. Jedes Jahr würden jedoch nur 50 Spezialpädagogen die Hochschulen verlassen.

Das könne den Fachkräftemangel nicht abfedern – zumal sich das Tätigkeitsfeld für die Pädagogen erweitere: Denn durch die Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention hat sich Deutschland 2009 zur Inklusion verpflichtet. Also dazu, dass Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung künftig an Regelschulen unterrichtet werden. Für Sonderpädagogen erweitern sich dadurch die beruflichen Möglichkeiten.

Die Inklusion ist auch für Annika Hortig ein großes Thema. Sie selbst würde später gerne in diesem Bereich arbeiten – wenn die Voraussetzungen stimmen: „Die Inklusion ist mit sehr wichtig, aber um sie umzusetzen, braucht man gut ausgebildete Fachkräfte.“ Durch ihr Studium fühlt sie sich auf diese Tätigkeit gut vorbereitet.

Sonderpädagogen sind in allen Bundesländern gefragte Experten: Berlin hat 2010 mehr als 1100 unbefristete Vollzeit-Stellen in diesem Bereich geschaffen. Die Senatsbildungsverwaltung bestätigt auf Anfrage einen Bedarf an weiteren Sonderpädagogen. Sie sagt auch, dass an den beiden Berliner Schulen mit dem Schwerpunkt Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, der „Zeune-Schule für Blinde und Berufsfachschule Dr. Silex“ und der „Paul-und-Charlotte-Kniese-Schule“ insgesamt 14 Lehrkräfte über 60 Jahre alt sind. Bislang sei es jedoch immer gelungen, den Einstellungsbedarf zu decken.

Die Studenten entscheiden sich zu Beginn der Ausbildung an der HU für zwei sonderpädagogische Fachrichtungen. Zur Wahl stehen Audio- und Sehbehindertenpädagogik, Geistig-, Körper- und Lernbehindertenpädagogik, aber auch Sprach- und Verhaltensgestörtenpädagogik.Diese werden kombiniert mit einem Zweitfach, etwa Deutsch oder Mathematik. „Die Förderschwerpunkte werden vor dem offiziellen Studienbeginn in der Einführungswoche alle einzeln vorgestellt, das hilft den Studierenden bei der Auswahl“, sagt Nadja Högner, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik am Institut für Rehawissenschaften der HU. Sie hat 2009 ihr Masterstudium Sonderpädagogik beendet und forscht nun für ihre Doktorarbeit.

„Dass die Studierenden zwei Fachrichtungen belegen, bedeutet aber nicht, dass sie später in beiden Bereichen tätig sind“, sagt der VBS-Vorsitzende Dieter Feser. Deshalb kann es sein, dass ein Absolvent zwar in der Statistik als Blinden- und Sehbehindertenlehrer geführt wird – diese Qualifikation aber häufig in seinem Berufsleben gar nicht nutzt.

Annika Hortig hat sich neben der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik für die Sprachbehindertenpädagogik entschieden, und für das Fach Deutsch. In all diesen Bereichen hat sie inzwischen auch ein Praktikum gemacht.

„Die Studieninhalte sind vielfältig, vermittelt werden unter anderem blinden- und sehbehindertenspezifische didaktische und medizinische Grundlagen“, erklärt Nadja Högner. Behandelt werden während des Studiums außerdem die Themen Förderdiagnostik, Orientierung und Mobilität, lebenspraktische Fertigkeiten, Blindenschrift und Einführung in die spezifischen Hilfsmittel, zum Beispiel Bildschirmlesegeräte.

Wer sich für den Fachbereich Blinden- und Sehbehinderung entscheidet, den erwartet später im Klassenzimmer eine Gruppe mit ganz unterschiedlichen Kindern und Jugendlichen: „Während die einen mehrfach behindert sind, ist bei anderen lediglich der Sehsinn beeinträchtigt“, sagt Nadja Högner von der Humboldt Universität.

„Wir lernen im Studium auch, wie man Inhalte für blinde beziehungsweise sehbehinderte Kinder adaptiert“, ergänzt Annika Hortig. Das alleinige „Beschreiben“ mit Worten stelle nur einen kleinen Teil dieses Prozesses dar. „Das Lernen erfolgt nicht nur über das gesprochene Wort.“ Sondern auch über andere Sinne, vor allem den Tastsinn.

Auch Peter Brass vom VBS-Landesverband Berlin findet es wichtig, sich im Unterricht nicht auf Worthülsen zu verlassen. „Die Pädagogen müssen den Kindern eine Vorstellung von den Dingen geben, die diese nicht sehen können“, sagt der Pädagoge, der an der Zeune-Schule unterrichtet und auf Umwegen in den Beruf gekommen ist.

Ursprünglich wollte er Gymnasiallehrer werden, fand nach seinem Referendariat jedoch keine Stelle, und absolvierte deshalb einen Aufbaustudiengang im Bereich Sonderpädagogik. Neben einer Pressekampagne hat dabei auch seine eigene Blindheit eine Rolle gespielt. „Wir arbeiten mit Minderheiten, die im Alltag viele Schwierigkeiten haben“, sagt er. Deshalb sollten Abiturienten, die sich für diesen Beruf interessieren, auf jeden Fall soziales Engagement mitbringen.

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