Wirtschaft : Sicherheit durch Risiko Mitte oder Rand

Eine bessere Welt dank Marktwirtschaft – Der Starökonom Robert J. Shiller stellt seine Pläne für eine neue Finanzordnung vor Wie sich die IG Metall die Zukunft vorstellt

Carsten Brönstrup

Es ist ziemlich einfach, heutzutage als Buchautor, Wissenschaftler oder Politiker heftig anzuecken. Es genügt, über die mangelnde soziale Sicherung zu klagen und mehr Umverteilung von den Wohlhabenden zu den Bedürftigen zu fordern. Oder aber man outet sich als Fan der globalen Finanzmärkte und preist sie als Garanten immerwährender Prosperität. Angesichts beständig steigender Sozialbeiträge und Steuern, alternder Gesellschaften und des jüngsten Börsencrashs würde die Mehrheit im Publikum über solche Thesen nur den Kopf schütteln – und mitleidig abwinken.

Der amerikanische Starökonom und Yale-Professor Robert J. Shiller hat dennoch keine Scheu vor diesen Thesen – und verbindet sie sogar zu einer außergewöhnlichen Idee. „Die neue Finanzordnung“ nennt er sie und zeigt, wie es durch neues Denken mehr soziale Sicherheit geben könnte und wie gerade die verrufenen Aktien- und Anleihemärkte dabei helfen könnten: Risiken, die es im Leben jedes Menschen gibt – Arbeitslosigkeit, Armut im Alter, Wertverfall des Eigentums – sollten verbrieft, an der Börse gehandelt und von Investoren gekauft werden. Und zwar in weitaus größerem Umfang als heute, und über Grenzen hinweg. So würde der Markt den Risiken den Schrecken nehmen – und könnte helfen, die angeschlagenen Sozialsysteme, über die in Deutschland derzeit so heftig gestritten wird, zu entlasten.

Das hört sich einfacher an, als es ist. Doch Shiller hat sich als Vordenker bereits einen Namen gemacht. Vor dreieinhalb Jahren, kurz vor dem Höhepunkt der Börseneuphorie, warnte er die gierig gewordenen Anleger vor einem baldigen Platzen der Blase als Folge des „irrationalen Überschwangs“. Nur wenige Wochen nach Erscheinen seines gleichnamigen Buches begannen die Kurse rund um den Globus tatsächlich zu bröckeln. Womöglich erkennt Shiller nun wieder einen Trend früher als andere.

Sein Schlüsselwort ist Risikomanagement. Schon heute könne kein Unternehmen überleben, ohne die zahlreichen drohenden Eventualitäten abzuwägen, schreibt Shiller. Risiken seien aber zugleich die Triebfeder wirtschaftlichen Gewinnstrebens – deshalb solle man sie sich verstärkt zunutze machen. In Zukunft werde man sich gegen immer mehr Risiken absichern, „hedgen“, können: mit Anleihen, Versicherungen, Swaps und Instrumenten, die wir heute noch gar nicht kennen. Mehr noch: Menschen könnten über einen Terminkontrakt ihren Lebensstandard absichern. Der Versicherte zahlt eine Prämie für den Fall, dass sein Jahreseinkommen unter eine bestimmte Marke sinkt.

Dieses Prinzip würde Shiller zufolge im kleinen wie im großen Maßstab funktionieren. So könnten sich nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Volkswirtschaften absichern. Und zwar mittels so genannter Makromärkte: Auf ihnen ließe sich die Wirtschaftsleistung aller Länder in einer Weltaktie abbilden. Über diese Papiere würden sich die Finanzgesellschaften absichern, die wiederum die Risiken der vielen kleinen Leute abdecken. Aber auch zwei Länder könnten übereinkommen, Wetten auf den wahrscheinlichen Verlauf ihrer Wohlstandsentwicklung in den kommenden Jahrzehnten abzuschließen – etwa Indien und Deutschland. Würde sich die Wohlstandsschere zwischen beiden nach zehn Jahren weiter öffnen, bekäme Indien zusätzliches Geld. Würde sie sich schließen, müsste Indien eine entsprechende Summe nach Deutschland überweisen – eine Idee, die auch die Entwicklungshilfe revoultionieren würde.

Shillers Theorie ist heute noch Zukunftsmusik. Noch verfügen die Finanzmärkte nicht über die nötigen Berechnungsmethoden und Produkte. Aber eines Tages werden sie es wahrscheinlich tun. Eine breitere Streuung der Risiken würde die Unsicherheit für jeden einzelnen mindern und könnte sowohl für mehr Gerechtigkeit als auch für mehr Wohlstand in der Welt sorgen. All dies würde das Ansehen des Kapitalismus radikal verändern, der vielen heute als maßgebliche Wurzel der Übel Terror, Armut, Umweltverschmutzung oder Krieg gilt. Die Thesen Shillers strotzen vor Optimismus. Zugleich entwerfen sie eine Zukunft der Institution Markt und der grenzenlosen Weltwirtschaft – zum Nutzen und größeren Sicherheit aller.

Robert J. Shiller: Die neue Finanzordnung. Campus Verlag, 474 Seiten, 34,90 Euro

Von der IG Metall unter der Führung Jürgen Peters kann man alles Mögliche erwarten, dazu gehört aber eher weniger, dass sich die Gewerkschaft auf den Weg in die Mitte machen wird. Vielmehr muss man sich in den kommenden Jahren auf solche Töne einstellen: Wenn die Gewerkschaften keinen Widerstand gegen die Sozialpolitik der Bundesregierung leisten, „setzen sie ihre Zukunft als politische Gegenmacht- und Reformkraft und damit letztlich auch das organisationspolitische Überleben aufs Spiel“. Das sagt Hans-Jürgen Urban, Redenschreiber und Berater von Peters.

Urban zählte zu den Referenten eines gesellschaftspolitischen Forums der IG Metall Mitte Juni in Berlin, auf dem es vor allem um die Sozialsysteme und die künftige Tarifpolitik ging. Eine bemerkenswerte Rede hielt damals Klaus Zwickel, der – nach zehn Jahren an der IG Metall-Spitze – feststellte, dass „unsere traditionellen Gewerkschaftsrituale häufig an den Interessen vieler Menschen vorbeigehen“. Und Zwickel bekannte sich überraschend zu einem Strategiewechsel der linkesten deutschen Gewerkschaft. „Ja, wir wollen in die Mitte, anstatt an den Rand gedrängt zu werden und damit in die Isolation zu geraten.“ Fünf Wochen und einen verlorenen Arbeitskampf später trat Zwickel zurück. Und der Weg war frei für Jürgen Peters.

Welche sozialpolitischen Positionen in der IG Metall mit welchen Argumenten vertreten werden, ist in der vorliegenden Dokumentation der Berliner Tagung nachzulesen. Eher schwach, weil zu abstrakt, bleibt dagegen die Diskussion um die Zukunft des Flächentarifs, bei der unter anderem Jörg Hoffman auftritt, Vertrauter von IG Metall-Vize Berthold Huber und inzwischen dessen Nachfolger als IG Metall-Chef in Baden- Württemberg. alf

Joachim Beerhorst, Jens-Jean Berger (Hrsg.): Die IG Metall auf dem Weg in die Mitte? VSA Verlag, 176 Seiten, 12,80 Euro

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