Wirtschaft : „Sie haben Post“

Permanent erreichbar zu sein ist nicht gesund. Wir müssen lernen, abzuschalten.

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Pling! Schon wieder eine neue Nachricht. Experten raten zu E-Mail-Sprechzeiten, auf die man in der Signatur hinweist. Und im Urlaub lieber in ein Funkloch zu fahren – falls man es nicht allein schafft, die Arbeitsmails zu ignorieren. Foto: fotolia
Pling! Schon wieder eine neue Nachricht. Experten raten zu E-Mail-Sprechzeiten, auf die man in der Signatur hinweist. Und im...Foto: buchachon Fotolia

Anitra Eggler war Sklavin ihres Kommunikationsverhaltens. Sie und ihre Mitarbeiter waren permanent online, immer über E-Mail erreichbar. Wenn es am Wochenende in die Büroräume regnete, bekam sie samstagabends eine E-Mail statt einen Anruf, dass der Serverraum gleich unter Wasser stehe. In der Arbeitswoche jagte ein Meeting das nächste – Feedback, Kritik und To-do-Listen verschickte Eggler dann nachts und besonders gern am Wochenende an ihre Mitarbeiter. „Gerne auch im Urlaub“, sagt sie. Ihr Multitasking betrachtete sie als Begabung. „Hätte man mir im Meeting Stricknadeln gegeben, ich hätte mit den Füßen auch noch Socken gestrickt.“ Heute ist sie der Meinung: Multitasking ist Körperverletzung.

Inzwischen schreibt die 39-Jährige Bücher über den Umgang mit digitalen Medien. „Früher dachte ich: Ich bin super gestresst, also bin ich erfolgreich“, sagt Eggler. „Heute denke ich: Ich bin gestresst, also bin ich Sklave meines eigenen Zeitmanagements.“ Der richtige Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben, die sogenannte Work Life Balance, rückt zunehmend ins Bewusstsein von Arbeitnehmern und -gebern. Mit steigenden Krankheitstagen und Frühverrentungen wegen Burnouts geraten auch die Unternehmen in Handlungszwang. Die IG Metall fordert sogar eine Anti-Stress-Verordnung, Bundesländer wie Brandenburg und Nordrhein-Westfalen setzen sich für eine bundesweite Regelung ein.

Eggler informierte sich und fand eine Rechnung, die sie mit einer traurigen Wahrheit konfrontierte: Als 75-Jährige würde sie acht Monate mit dem Löschen von E-Mails verbracht haben. Und nur 14 Tage mit Küssen. Doch wer heute am längsten das Licht brennen lässt, steigt nicht mehr automatisch im Ansehen der Kollegen. Eggler rät dazu, sich am Arbeitsplatz dafür stark zu machen, dass die Kommunikation des gesamten Teams sich ändert. „Man muss nur mit guten Argumenten kommen“, sagt sie. „Steigende Krankheitstage und Produktivitätsverlust sind gute Argumente."

15 Jahre lang hatte Eggler in der Internetbranche gearbeitet, zunächst als Journalistin, dann als Startup-Managerin, als Kreativdirektorin, Agentur-Chefin und Online-Verlagsgeschäftsführerin. Als Boss lebte sie den Arbeitsalltag vor, das Personal zog mit. „Wir haben nachts Pizza gegessen und Red Bull getrunken. So lange meine Mitarbeiter lachten, wusste ich, sie haben Spaß“, sagt Eggler. Doch dann merkte sie, dass die Kollegen trotz Spaß an der Sache langsam ausbrannten.

Genau hier liege häufig das Problem, sagt Heiner Diepenhorst, der als Life- und Businesscoach in Berlin arbeitet und Unternehmen berät. „Die Menschen fixieren sich auf ihre berufliche Rolle und verlieren sich selbst aus den Augen“, sagt er. Das Problem ist: Viele merken das nicht einmal. Diepenhorsts Klienten kommen meist erst zu ihm, wenn gesundheitliche Probleme auftreten oder das soziale Umfeld sie darauf aufmerksam macht, dass sie kaum noch zu erreichen sind. Dann haben sich die Betroffenen von ihrem Privatleben schon weit entfernt und begnügen sich damit, ihre beruflichen Erfolge zu feiern. „Wenn dann die berufliche Rolle mal den Bach runter geht, gehe ich als Mensch mit“, sagt Diepenhorst. Oft haben die Klienten keine Verbindung mehr zu ihren persönlichen Bedürfnissen.

Der erste Schritt zurück zur privaten Person ist die Erkenntnis. „Das ist wie Aufwachen“, sagt Diepenhorst. Doch dann wirklich etwas zu ändern, ist die nächste Aufgabe. Dabei helfe es, alles was man tut, bewusst zu tun, sagt Diepenhorst. Bewusst aufstehen, bewusst atmen, essen, das Wasser in der Dusche spüren. „Es geht darum, dass ich mich in der Welt erlebe.“ Zudem muss natürlich mit der gewonnenen Zeit etwas angefangen werden. Neue Hobbys sind hilfreich. „Ich erlebe es häufig, dass Klienten anfangen zu malen oder Musik zu machen“, sagt Diepenhorst. „Das sind meistens die, die mir am Anfang einen Vogel gezeigt hätten, hätte ich ihnen das vorgeschlagen.“ Die Beschäftigungen, gegen die die Klienten anfangs am meisten Widerstand verspüren, sind oft die fruchtbarsten. Das, was man am effektivsten aus dem Leben ausgrenzt, verursacht auch am meisten Stress, wenn es thematisiert wird. So spüren etwa sachlich orientierte Menschen einen starken Widerstand, wenn man sie auffordert, auf ihre Gefühle zu hören.

Auch Anitra Eggler merkte, dass sie nicht einfach einen Schalter umlegen konnte. „Man bekommt Entzugserscheinungen, wenn man nicht ständig erreichbar ist“, sagt sie. Bei ihr habe es zwei, drei Monate gedauert. „Ich musste mir klar machen: Keiner von uns ist ein Notarzt, das ist nur ein Job“, sagt Eggler. Und die Firma steht noch, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt, ohne die E-Mails gecheckt zu haben.

Auch Unternehmen können aktiv werden, ihre Mitarbeiter in der Work Life Balance zu unterstützen. Zum Beispiel nach Feierabend die Verbindung vom E-Mail-Server zu den Blackberrys der Mitarbeiter kappen. Ein E-Mail-Programm einrichten, das E-Mails löscht, wenn ein Mitarbeiter im Urlaub ist – mit Benachrichtigung an den Absender, ab welchem Zeitpunkt er sich wieder melden kann und wer in Notfällen der Ansprechpartner ist. Die Mitarbeiter sollten sich ebenfalls untereinander beaufsichtigen, sagt Anitra Eggler. „Wenn mir ein Kollege aus dem Nebenzimmer eine Mail geschickt hat, ob wir gemeinsam einen Kaffee trinken, bin ich rüber gegangen und habe gesagt: Die Mail war unnötig. Du hast Stimme und Beine, komm rüber und frag mich direkt.“

Heute ist Eggler wieder in der Lage, in Ruhe ein Buch zu lesen und es nicht zu „scannen“, wie sie es im Schnell-Lese-Seminar gelernt hat. Sie kann ihren Computer herunterfahren ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Oder nur mit Notizbuch in ein Meeting gehen und den anderen zuhören, statt unter dem Tisch gleich die Neuigkeiten zu twittern. „Sinnloses Zeug twittern verursacht Informations-Diarrhöe.“

Im Juli und August macht Anitra Eggler eine kreative Sommerpause. Sie möchte dann viel Zeit auf ihrer Terrasse verbringen „und den Blumen beim Wachsen zuschauen.“ Vielleicht setzt sie sich spontan ins Auto und fährt nach Italien. Aber alles ohne Zwang.

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