Wirtschaft : Sie können nicht mehr zurück

Kalifornien hat die Grenze zu Mexiko so dicht gemacht, dass illegale Einwanderer lieber ganz in den USA bleiben

Eduardo Porter

Früher kamen sie nur zur Saison, um auf den üppig grünen Feldern des San Joaquin Valley ein paar Dollar zu verdienen. Nach der Ernte kehrten die illegalen mexikanischen Arbeiter in ihre Heimat zurück. So taten sie es viele Jahre lang. Heute aber bleiben sie in Kalifornien. Sie leben häufig in großer Armut und werden damit eine immer größere Belastung für die Kommunen.

Während der Winterzeit sind die illegalen Feldarbeiter arbeitslos. Sie leben zusammengepfercht in heruntergekommenen Wohnungen und schlafen auf Matratzen, Sofas und Teppichvorlegern. So leben etwa in der kalifornischen Stadt Stockton rund 30 Illegale auf engstem Raum in drei Wohnungen eines Hauses. Sie stammen aus dem mexikanischen Ort Oxtotitlán. Einer davon ist Cristóbal Silverio. Der Mexikaner lebt mit seiner Frau, vier Kindern und mehreren Neuankömmlingen aus seinem Heimatort in einer der Wohnungen. „Vielleicht bleibe ich hier noch zehn oder 15 Jahre“, sagt Silverio.

In den Schulen von Stockton hört man immer mehr Spanisch. Die Nachfrage nach Lebensmittelpäckchen zu Weihnachten habe sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht, heißt es bei einer Wohltätigkeitseinrichtung. Das liege vor allem daran, dass die mexikanischen Arbeiter über die Feiertage nicht mehr nach Hause führen. Das Ortskrankenhaus steckt in finanziellen Schwierigkeiten, weil es immer mehr Patienten ohne Krankenversicherung behandeln muss.

Dabei sollten eigentlich schärfere Kontrollen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze die Flut illegaler Immigranten eindämmen. Seit 1995 hat sich die Zahl der Grenzpolizisten verdoppelt. Doch das Gegenteil ist der Fall: In Stockton und anderen Orten nimmt die illegale Einwanderung zu. Noch immer nehmen viele Menschen die Risiken des illegalen Grenzübertritts zwischen Mexiko und den USA auf sich – Schätzungen zufolge sind es rund 400000 im Jahr. Dabei ist das heute dreimal so teuer wie noch vor acht Jahren. Die dreitägige Tour durch die Wüste von Arizona kostet mittlerweile rund 1500 Dollar (1270 Euro). Viele Immigranten kehren daher gar nicht erst nach Mexiko zurück, sondern bleiben in den USA.

Im Winter sind sie obdachlos

Das Ergebnis: Noch nie zuvor lebten so viele Illegale in den USA wie jetzt, sagt Douglas Massey von der University of Pennsylvania, Leiter eines Studienprojekts über die mexikanische Migration. Anfang der 80er Jahre sei ein mexikanischer Arbeiter im Schnitt drei Jahre in den USA geblieben, sagt Massey. Ende der 90er Jahre seien es neun Jahre gewesen. Die mexikanische Bevölkerung in Kalifornien sei enorm angewachsen. „Die Aufrüstung der Grenze hat die Menschen nicht daran gehindert zu kommen. Sie hat nur die Risiken und Kosten erhöht“, sagt Massey. „Die Reaktion der Immigranten war, dass sie nicht mehr nach Hause zurückkehren.“

Die veränderte Migrationsstruktur wird in der 244000-Einwohner-Stadt Stockton deutlich. Das San-Joaquin-Valley mit seinen Tomaten, Apfel- und Pfirsichbäumen ist eine der fruchtbarsten Agrarregionen der USA. Auch hier stellen Mexikaner das Gros der Farmarbeiter. 91 Prozent der kalifornischen Feldarbeiter stammten Ende der 90er Jahre aus Mexiko, zeigt eine Studie des US-Arbeitsministeriums. 42 Prozent davon seien illegale Einwanderer gewesen.

Dass immer mehr Einwanderer dauerhaft bleiben, ist in Stockton deutlich zu spüren. Während der vom Frühjahr bis Herbst dauernden Saison leben die Mexikaner in Camps nahe bei den Feldern. Im Winter sind sie obdachlos. Die Illegalen legen ihr Geld zusammen und ziehen in baufällige Wohnungen in der Stadt. Mittlerweile sind rund ein Drittel der Stocktoner Bevölkerung Hispanics. Vor einem Jahrzehnt waren es noch 25 Prozent. Knapp sechs Prozent der Stadtbewohner sprechen wenig oder gar kein Englisch. Und fast 45 Prozent der Kinder unter sechs Jahren sind Latinos. Von den 2300 Säuglingen, die hier jährlich zur Welt kommen, sind sogar rund 70 Prozent Hispanics.

Einer der neuen Einwohner von Stockton ist der 42-jährige Cristóbal Silverio. Er kam erstmals 1997 in die USA. Er wollte nur ein paar Jahre bleiben und hoffte, in der Zeit genug Geld zu machen, um in seinem Heimatort Oxtotitlán, einer staubigen 1200-Seelen- Gemeinde im mexikanischen Staat Guerrero, ein Haus zu bauen.

Doch inzwischen sieht es so aus, als bleibe er für immer. Er hat für viele tausend Dollar seine Frau Felipa und zwei seiner Kinder nachgeholt; zwei weitere sind in den USA geboren. Eines davon war eine Frühgeburt und leidet unter Asthma. Die Ärzte steckten das Baby drei Monate in einen Brutkasten. Die Silverios wissen nicht, ob ihre Tochter in Oxtotitlán solche medizinische Versorgung bekommen hätte, ohne die sie gestorben wäre. Was sie aber mit Sicherheit wissen: Sie hätten sich den Krankenhausaufenthalt nicht leisten können. Die Kosten beliefen sich auf Hunderttausende Dollar und in Stockton mussten sie keinen Pfennig dafür zahlen.

Silverios Wohnung ist eine erste Anlaufstation für Neuankömmlinge aus Oxtotitlán. Viele von ihnen schlafen auf dem Sofa im Wohnzimmer, bevor sie sich eine eigene Wohnung suchen. Silverio schätzt, dass in Stockton 150 Erwachsene aus Oxtotitlán leben. Und die haben nicht vor, in nächster Zeit nach Mexiko zurückzukehren. Heutzutage sei die Überquerung der Grenze zu teuer, sagt sein Schwiegersohn Ignacio Barro. „Man arbeitet schließlich nur noch, um die Schmuggler für die Hin- und Herreise zu bezahlen.“

Viele mexikanische Einwanderer versinken in Armut. Wegen der vielen Illegalen sind die Stundenlöhne für die Farmarbeit zwischen 1989 und 1998 von 6,98 Dollar auf 6,18 Dollar gesunken, heißt es im Arbeitsministerium. In Stockton ist die Armutsquote während der 90er Jahre um fast 30 Prozent angestiegen.

Wie die meisten illegalen Farmarbeiter aus Mexiko vermissen die Silverios ihre Heimat. Doch Felipa Silverio ist nicht sicher, ob sie sie jemals wiedersehen wird. Sie hofft, dass ihre Familie wenigstens genug Geld haben wird, um „unsere Särge zurückzuschicken, wenn wir hier sterben“.

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