Wirtschaft : Sie müssen auch wollen

Frauen sind in den deutschen Vorstandsetagen noch immer unterrepräsentiert. Das liegt nicht nur an der fehlenden Kinderbetreuung

2010 war das Jahr der Frauen. Die Telekom führte eine Frauenquote ein, der Siemens-Konzern berief schon die zweite Frau in den Vorstand und die Familienministerin Kristina Schröder verkündete, dass man nach so viel Frauenförderung jetzt einen „Boys’ Day“ zur Förderung der Jungs veranstalten müsse. Dann geriet Schröder mit Altfeministin Alice Schwarzer aneinander. Öffentlich stritten sie darüber, ob Frau Schröder die Bücher von Frau Schwarzer richtig verstanden hat. Tatsächlich ging es um die Frage: Ist die Emanzipation vollendet? Können die Feministinnen die Waffen ruhen lassen? Dürfen Frauen heute alles, was sie wollen? Und wollen sie alles, was sie können?

Beispiel Wirtschaft. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind lediglich 2,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 200 größten deutschen Unternehmen Frauen. In den Aufsichtsräten nehmen Frauen zehn Prozent aller Sitze ein. Zwar hat sich einiges getan: So ist der Anteil der Frauen in den Führungspositionen des öffentlichen Dienstes von 17,6 Prozent im Jahr 1996 auf 20,3 Prozent im Jahr 2007 gestiegen. Bei den Selbstständigen mit fünf oder mehr Beschäftigten hat der Anteil von 16 auf 21 Prozent zugelegt. Für DIW-Ökonomin Elke Holst ist das jedoch ein schwacher Trost: „Frauen haben die höheren Bildungsabschlüsse und die besseren Noten. Im Vergleich dazu ist ihr Anteil in den Führungsgremien noch immer lächerlich gering.“

Woran liegt das? Immerhin gibt es Unternehmen, die daran arbeiten, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, schlicht, weil sie es sich in einer älter werdenden Gesellschaft gar nicht leisten können, auf die weiblichen Talente zu verzichten. Zudem belegen Studien, dass gemischtgeschlechtlich geführte Firmen höhere Umsätze erzielen als solche, die von Männern dominiert werden.

Der Soziologe Carsten Wippermann spricht von einer „gläsernen Decke“, an die Frauen auf dem Weg nach oben immer wieder stoßen. Schließlich sind es bislang hauptsächlich männliche Netzwerke, in denen über Posten entschieden wird. In einer Befragung unter Managern fand Wippermann heraus, dass manche dieser Männer Frauen grundsätzlich für unfähig halten. Andere glauben, sie seien zu schwach, um sich in männlichen Machtkämpfen zu behaupten. Wenn die Frauen beide Argumente widerlegen könnten, würden sie deshalb nicht befördert, weil die Männer sie nicht mehr authentisch finden. „Wir brauchen eine andere Kultur in den Betrieben“, fordert Elke Holst. Man müsse mit dem traditionellen Muster aufräumen, dass Männer die besseren Chefs seinen, „nur weil Männer seit Tausenden von Jahren führen“. Erreichen könne man dies nur, wenn man den Frauenfaktor zur Chefsache mache, wenn es feste Kennzahlen gebe, wie viele Frauen zu welchem Zeitpunkt an welcher Stelle sitzen müssen.

Dass es anders geht, zeigen viele kleine und mittelständische Unternehmen, in denen Frauen ganz selbstverständlich führen. Wie Marie-Christine Ostermann, Chefin des Lebensmittelgroßhandels Rullko in Westfalen und Vorsitzende des Verbands „Die jungen Unternehmer“. Sie hat ihren Posten von ihrem Vater übernommen. Trotzdem musste sie sich erst beweisen, bis die Angestellten sie als Chefin akzeptierten: „Für die Mitarbeiter war das nicht einfach, von einer 27-Jährigen in Blazer und Stöckelschuhen Anweisungen entgegenzunehmen“, sagt die heute 32-Jährige. Was man als Führungskraft brauche, seien Kompetenz und Selbstbewusstsein. Sie hat an der Elite-Uni St. Gallen Betriebswirtschaft studiert, danach absolvierte sie ein Traineeprogramm für Führungskräfte bei Aldi. „Ich bin dadurch noch selbstbewusster geworden als vorher“, glaubt Ostermann. „Ich strahle mehr Sicherheit aus.“ Das sei wichtig, auch wenn sie immer versuche, „einen weichen Kern“ zu bewahren. Bei Rullko würden sich heute mehr Frauen als Männer um eine Ausbildung bewerben.

„Die sind echt auf Zack, oft auch besser als die Jungs“, sagt Marie-Christine Ostermann. Sie erlebe aber auch immer wieder Frauen, die zu unsicher aufträten und vorschnell Kompromisse machten. „Die Frauen müssen lernen, sich besser zu verkaufen und zu sagen: Ich bin super für die Firma, ich will den Job und ein gutes Gehalt dafür.“

„Frauen haben mehr Schwierigkeiten, ihre Erfolge darzustellen“, sagt auch Anke Hunziger. Sie war früher Personalvorstand bei der Firma Solon und ist heute Unternehmensberaterin. Aus ihren Konflikttrainings weiß sie, dass es vielen Frauen auch nach jahrelanger Berufserfahrung an Selbstbewusstsein mangelt. „Männer können kämpfen, sie können aber auch verlieren“, sagt Hunziger. „Frauen stellen sich in Konflikten sofort als Person infrage.“ Als Führungskraft aber lassen sich Konflikte gar nicht vermeiden. Auch Firmenchefin Ostermann sagt: „Wenn ich mit den Mitarbeitern diskutiere und ich ein Machtwort sprechen muss, dann fühlt sich das nicht immer angenehm an.“

Viele Frauen wollen das gar nicht. In einer Umfrage der Hamburger Sparkasse unter 1800 Schulabsolventen kam heraus, dass Jungen in Hinblick auf ihre berufliche Zukunft eher auf Gehalt und Posten schielen, während Mädchen vor allem Wert auf ein gutes Betriebsklima legen. Auf der anderen Seite mache genau diese Eigenschaft Frauen so wertvoll für Unternehmen, sagt Anke Hunziger. Sie hätten ein besseres Gespür für emotionale Konflikte und seien stärker daran interessiert, diese zu lösen.

Doch auch wenn die Frauen selbstbewusst genug sind, wenn sie führen wollen und Förderer finden, die ihre Qualitäten richtig einschätzen, bleiben da immer noch die Kinder. Studien belegen einen regelrechten Karriereknick bei Frauen zwischen 30 und 40. „Die Aufstiegszahlen brechen immer ab, wenn die Familienplanung ansteht“, sagt Elke Holst.

Zwar arbeitet die Politik seit Jahren daran, die Kinderbetreuung in Deutschland auszubauen. Doch selbst wenn die Kinder einen Kitaplatz haben: Welche Führungskraft hat einen Job, der jeden Tag um neun beginnt und pünktlich um 18 Uhr endet? „Es gibt Beispiele, bei denen das funktioniert“, sagt Personalberaterin Anke Hunziger. Sie hat selbst zwei Kinder und gelernt: „Wenn ich beides will, muss ich Grenzen setzen zwischen Beruf- und Privatleben, auch gegen Widerstände.“ Viele Frauen würden das schlechte Gewissen nicht aushalten, das man sonst sowohl den Kindern als auch der Firma gegenüber habe.

Am einfachsten geht das natürlich, wenn der Vater der Kinder auch mal früher nach Hause kommt. Doch gerade an diesem Punkt scheitern viele junge Familien. Dass Männer mehr als die üblichen zwei Vätermonate aussetzen oder gar Teilzeit arbeiten, ist in den meisten Unternehmen noch ungewöhnlich. „Dabei wollen die jungen Männer das doch gar nicht mehr“, sagt DIW-Expertin Holst.

Vielleicht liegt hier der Schlüssel. Emanzipation ist ja auch keine Geschlechterfrage. „Emanzipiert“ wird im Duden mit „selbstverantwortlich, souverän, unabhängig“ übersetzt. Wer einen Führungsposten und eine Familie haben will, muss mutig sein. Das gilt für Frauen wie für Männer.

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