Sie überlebten die Katastrophe in Bangladesch : „Ich gehe nie wieder in eine Textilfabrik“

Sie nähten Kleidung für den Westen, als der Boden unter ihnen wegsackte: Runa Akhter und Munnaf Khan haben die Katastrophe von Bangladesch überlebt. Heute führen sie ihr eigenes Unternehmen.

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Als am 24. April 2013 die Fabrik Rana Plaza einstürzte, befanden sich 3000 Menschen im Gebäude.
Als am 24. April 2013 die Fabrik Rana Plaza einstürzte, befanden sich 3000 Menschen im Gebäude.Foto: Andrew Biraj/ Reuters

Als das Gebäude einstürzt, sitzt Runa Akhter an ihrer Nähmaschine. Im siebten Stock, wo ihre Firma New Wave Style Limited nähen lässt. Ein kurzes Knarren, dann sei der Boden weggesackt. Irgendwo auf dem Niveau der zweiten Etage findet sich Runa Sekunden später wieder, eingeklemmt, umgeben von Schutt, Textilien, Betonbrocken. Knapp zwei Jahre danach blickt die kleine, 25 Jahre alte Frau mit rundlichem Gesicht, ein grünes Tuch locker über ihre schwarzen Haare gelegt, ihre Besucher aus Deutschland ernst an. Runa hatte Glück im Unglück: Sie überlebt, wenn auch mit erheblichen Gesichtsverletzungen, einem schweren Bruch am rechten Arm. Sechs Wochen musste sie im Krankenhaus bleiben. Eine lange Narbe am rechten Unterarm ist geblieben. Schlimmer ist, dass sie ihn nicht mehr richtig bewegen kann.

Runa Akhter überlebte, kann aber ihren rechten Arm nicht mehr richtig bewegen.
Runa Akhter überlebte, kann aber ihren rechten Arm nicht mehr richtig bewegen.Foto: Rolf Obertreis

Sie verkauft Reis und Cola

Im Frühjahr 2015 aber hat die junge Frau längst neuen Mut gefasst. Vom Krankenhaus kommt sie ins Centre für the Rehabilitation of the Paralysed (CRP) in Dhaka. Dort werden Opfer der Katastrophe behandelt. Für Runa gibt es nicht nur medizinische Hilfe: Sie absolviert einen vierwöchigen Trainingskurs, in dem sie lernt, wie sie sich selbstständig machen und einen eigenen Laden führen kann. Für Runa war klar: „Ich gehe nie wieder in eine Textilfabrik.“

Heute ist die 25-Jährige stolze Besitzerin eines kleinen Ladens. Sie verkauft Reis, Zucker, Kuchen, Cola, Wasser und andere Dinge für den täglichen Bedarf. Von morgens um sechs bis abends um elf ist geöffnet, an sieben Tagen in der Woche. Ist das nicht zu viel Arbeit? Runa schüttelt den Kopf. „Mein Bruder und ich wechseln uns ab.“ Der Laden läuft: Am Monatsende bleibt ein Gewinn von 10 000 Taka – fast 115 Euro. In der Fabrik hatte sie zuletzt 89 Euro verdient.

Er produziert Kleidung - und zahlt faire Löhne

Auch Munnaf Khan arbeitet für New Wave Style, als das Gebäude einstürzt. Er wird schnell bewusstlos, hat sich auf der linken Körperseite schwer verletzt. „Heute habe ich Angst in großen Gebäuden. Ich schaue nach Rissen, höre auf Geräusche“, sagt er. Munnaf kann kaum Treppen steigen. Nach einem erfolgreichen Trainingskurs ist er dennoch erfolgreicher Kleinunternehmer – in der Textilbranche. „Etcerca“ heißt seine Schneiderei in der Wapda Road unweit des ehemaligen Rana Plaza-Gebäudes. Er nutzt die Entschädigung von umgerechnet 959 Euro und eine Zahlung der irischen Textilkette Primark von 450 Euro, CRP stellt eine Nähmaschine. Mittlerweile besitzt Munnaf fünf Maschinen, ist Chef von fünf Angestellten. Seine Kunden kommen aus Savar und lassen die übliche traditionelle Kleidung nähen: Bunte, hübsch bestickte Kleider für Frauen, lange weiße Hemden für Männer. Er zahle vernünftige Löhne, versichert er. Am Monatsende blieben fast 170 Euro. Munnafs Wunsch ist es, das Geschäft zu vergrößern. Dafür fehle aber das Geld.



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