Wirtschaft : Sie wollen kein Mitleid, sie wollen verkaufen

ANJA MÜLLER

BERLIN .Jedes Jahr dasselbe Problem: Was schenke ich zu Weihnachten? Und wer mit seinen Geschenken noch etwas Gutes tun möchte, kauft nicht einfach drauflos.Wo gibt es die Geschenke, die nicht nur schön, sondern auch nützlich sind? Nützlich im doppelten Sinn.Sie sollen nicht als Staubfänger, sondern einem guten Zweck dienen, wie zum Beispiel Produkte, die Blinde oder Behinderte gefertigt haben."Mitleid wollen wir aber nicht", betont der Leiter der Blindenanstalt Berlin, Peter Bergmann."Die Leute sollen unsere Produkte kaufen, weil sie von guter Qualität sind, dann sind auch die Blinden zufrieden."

Insgesamt gibt es mehr als 500 Blinden- oder Behinderten-Werkstätten in Deutschland, elf davon in Berlin.Bürsten und Besen, Körbe und Rucksäcke, Holzspielzeug und Seidentücher werden dort gefertigt.So arbeiten zum Beispiel 450 geistig und mehrfach Behinderte in den drei Werkstätten der Vereinigung für Jugendhilfe.Neben vielen Dienstleistungen, die sie anbieten, schöpfen sie Papier und formen Dufthäuschen aus Ton.Bei der Nordberliner Werkgemeinschaft arbeiten rund 300 Behinderte.Die dort gefertigten Holz-Spiele und Körbe werden auf Märkten, Straßenfesten und in einigen Naturkostläden angeboten.

Hausierer beschäftigt keine der Werkstätten.In allen Zweifelsfällen sollte man sich kundig machen, ob die Produkte wirklich aus den anerkannten Blinden- oder Behindertenwerkstätten kommen.Nicht alle Angebote sind seriös.Erst im August diesen Jahres wurde ein Berliner verhaftet, der innerhalb von zweieinhalb Jahren rund 1,3 Mill.DM einnahm.Seine Masche: Er kaufte bei den Blindenwerkstätten zum Rabattpreis ein und verkaufte die Produkte in ganz Deutschland mehr als dreimal so teuer weiter.Auf seiner Kundenliste waren nicht nur Verbraucher, sondern auch große Unternehmen, die einfach etwas Gutes tun wollten.

Ein Hinweis auf echtes Handwerk behinderter Menschen: Ihre Produkte werden entweder mit verminderter oder gänzlich ohne Mehrwertsteuer verkauft.Nur Werkstätten, deren Gemeinnützigkeit anerkannt wurde, dürfen den ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf ihre Produkte aufschlagen.Die meisten dieser Werkstätten firmieren unter der Bezeichnung gemeinnützige GmbH.Auskunft erteilt die Bundesanstalt für Arbeit.Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln bietet darüberhinaus kostenlos eine CD-Rom mit allen Adressen und Angeboten der anerkannten Werkstätten an.

Eine Sonderrolle bei den Werkstätten nimmt die Blindenanstalt von Berlin ein.Unter anderem, weil sie schon seit mehr als 120 Jahren in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg besteht und eine staatliche Institution ist.48 Blinde und behinderte Blinde fertigen Besen und Bürsten, flechten Körbe und Matten."Die Blinden und zum Teil geistig behinderten Blinden hätten keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.Dennoch hebt es auch ihr Selbstwertgefühl, wenn sie eine sinnvolle Arbeit leisten können",m sagt der Leiter, Peter Bergmann.Ganz besonders freuen sich die Hand-Werker, wenn ihre Produkte sich gut verkaufen lassen.Das klappte nicht immer: Der Besen- und Bürstenabsatz stagniert seit Jahren, sagt Bergmann.Wer fegt noch in der Wohnung, wer weiß echte Hand-Arbeit zu schätzen? Da kamen die Designer Oliver Vogt und Hermann Weizenegger, die ihr Büro gegenüber der Blindenanstalt haben, mit einer Idee: Design meets Handwerk - die Imaginäre Manufaktur.In den Naturmaterialien Roßhaar, Kokosfaser, Holz, die die Blinden verarbeiten, sahen die Designer eine Herausforderung.

Sechs Jungdesigner bekamen Platz in der Blindenanstalt, konnten studieren, wie die Blinden arbeiten, konnten Holz und Roßhaar eine neue Form, eine neue Funktion geben.Einzige Einschränkung: Die Blinden müssen die meisten Produkte auch selbst produzieren können.Das Ergebnis dieses ersten Projekts zwischen Design und Blindenhandwerk ist im Werkstattladen der Blindenanstalt in der Oranienstraße zu sehen und zu kaufen.Für die Blinden ist das einfach ein gutes Gefühl, daß das Weinregal "Kokoskurve", die Kopfstütze "Hauptrolle" oder der Eierbecher "Einest" gefragte Produkte sind - und nicht aus Mitleid gekauft werden.

Hier finden Sie die Werkstattläden: Blindenanstalt von Berlin, Oranienstraße 26, Berlin-Kreuzberg.Diakonie Werkstätten Berlin, Albertinenstraße 20-23, Berlin-Weißensee.Förderung sozialer Einrichtungen, Fahrradladen, Kamenzer Damm 1, Berlin-Lankwitz.Mosaik-Werkstätten, Askanierring 155-156, Berlin-Spandau.Union Sozialer Einrichtungen, Koloniestraße 135-136, Berlin-Wedding.Werkgemeinschaft für Berlin-Brandenburg, Quermatenweg 6, 14163 Berlin-Zehlendorf.Nordberliner Werkgemeinschaft, Triftstraße, Berlin-Buchholz.Delphin-Werkstätten, Schönhauser Straße 40/41, Berlin-Rosenthal.Die CD-Rom mit weiteren Adressen gibt es beim Institut der deutschen Wirtschaft, Gustav-Heinemann-Ufer 84-88, 50968 Köln.

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