Wirtschaft : Sie wollten doch nur spielen

Der Lego-Konzern steckt in der Krise – Vorstandswechsel und Hightech-Experimente haben das Geschäft ruiniert

Dagmar Rosenfeld

Die Legowelt ist kompliziert geworden – nicht nur für Kinder, sondern auch für die Erwachsenen, die im Vorstand des Unternehmens sitzen. Die haben sich Bauklötze mit eingebauter DCX-Software, Roboter und computergesteuerte Bauanleitungen ausgedacht und damit die heile Klötzchen-Welt in den Kinderzimmern ziemlich durcheinander gebracht – und die in ihren Vorstandszimmern ebenso. Seit Ende der Neunzigerjahre hat Lego massive Absatzprobleme, die sich jetzt zugespitzt haben: In diesem Jahr wird der Konzern Verluste zwischen 1,5 und zwei Milliarden Kronen (203 bis 270 Millionen Euro) machen. Besonders in Amerika und Japan ist der Umsatz eingebrochen, aber auch das Geschäft in Europa ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Deswegen ist jetzt Lego-Chef Kjeld Kirk Kristiansen, Enkel des Unternehmensgründers, von seinem Posten zurückgetreten.

In den vergangenen Jahren ist der Chefposten bei Lego mehrmals ausgewechselt worden, Mitarbeiter sind entlassen und Produktionsstandorte dicht gemacht worden. Ende 2003 hatte dann Kristiansen selbst die Konzernführung übernommen: „Wir werden uns jetzt wieder auf unser Kerngeschäft konzentrieren“, verkündete er. Das Lego-Kerngeschäft sind simple Bauklötzchen. Kristiansens Vorgänger Poul Plougmann hingegen – der 1999 vom Design-TV-Hersteller Bang&Olufsen zu Lego gewechselt war – hatte auf futuristischen Schnickschnack gesetzt.

Plougmann baute das Geschäft mit Computerspielen aus und erwarb Lizenzen von Filmeherstellern, um Harry Potter- und Spidermann-Figuren auf den Markt zu bringen. Software-Programme wurden entwickelt, mit deren Hilfe die Kinder ihre Bauwerke am Bildschirm planen konnten. Und selbst vor den ganz Kleinen machte Plougmann mit seinem Modernisierungs-Tripp nicht halt: Die extragroßen und unverschluckbaren Lego Duplo-Klötze wurden in Lego Explore umbenannt. Ein Zungenbrecher, bei dem Väter und Mütter sich fast verschluckten, wenn sie im Spielzeuggeschäft nach den großen Bauklötzen fragten. Mit all dem entfernte Lego sich von dem, was Lego eigentlich kann: bunte Plastikklötzchen herstellen, aus denen sich Kinder ihre eigene Welt zusammenbauen können – so, wie es ihnen passt und nicht, wie der Computer es vorschreibt.

Plougmann musste Ende 2003 – „einem katastrophalen Jahr für Lego“, wie er selbst sagte – gehen. Aber auch sein Nachfolger Kristiansen war nicht viel erfolgreicher. Seine Hinterlassenschaft nach einem Jahr an der Konzernspitze sind nicht nur Verluste in Millionenhöhe. Auch die vier Legoland-Parks sollen verkauft und weitere Stellen abgebaut werden. Derzeit beschäftigt Lego 7500 Mitarbeiter, vor vier Jahren waren es noch 10000.

In diesem Jahr erwartet Lego einen Umsatzrückgang zwischen 25 und 30 Prozent. Damit ist offenbar die Existenz des Unternehmens ernsthaft in Gefahr. Das befürchtet zumindest der neue Lego-Chef, der 35-jährige Jörgen Vid Knudstropp. „Noch ein Jahr mit 25 Prozent Umsatzrückgang darf es nicht geben – das ist entscheidend für das Überleben von Lego“, sagte er. Deshalb will Knudstropp alles, was nichts mit Legosteinen zu tun hat, veräußern. So ist die Zusammenarbeit mit den Filmproduzenten angeblich bereits beendet worden.

Vielleicht gelingt es ja Knudstropp, wieder zu dem zurückzufinden, was Lego-Gründer Ole Kirk Christiansen vor 70 Jahren im Sinn hatte, als er die ersten Bauklötze aus Holz schnitzte: Gut spielen. Auf dänisch heißt das LEg GOdt, abgekürzt Lego.

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