Siemens : Abschied vom Computer

Siemens steigt aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit Fujitsu aus. Jetzt gibt es keinen deutschen Hersteller mehr.

Corinna Visser

Berlin - Der Computer wurde vor bald 70 Jahren in Deutschland erfunden und hat einen Siegeszug um die Welt angetreten. Trotzdem hat sich Deutschland am Dienstag aus der industriellen Fertigung verabschiedet: Siemens trennt sich von seiner Beteiligung an Fujitsu-Siemens und zieht erneut einen Schlussstrich unter eine Traditionssparte. Der Computerhersteller, der in Deutschland 6000 Beschäftigte zählt, gehört ab April 2009 für 450 Millionen Euro ganz den Japanern.

Verliert Deutschland nun den Schlüssel zu dieser wichtigen Industrie? „Nicht nur Deutschland, ganz Europa hat in der PC-Fertigung längst den Anschluss verloren und ist nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagt Georg Erber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Es mache keinen Sinn, der Entwicklung weiter hinterherzulaufen. „Viel wichtiger ist es, Marktchancen zu entdecken und zu ergreifen, wenn sich neue Zukunftstechnologien auftun.“ Zudem sei die Herstellung von PCs, Tastaturen oder Mäusen kein lukratives Geschäft. Wesentlich höher sei die Wertschöpfung in den Bereichen Software und IT-Dienstleistungen. „Und hier ist Deutschland durchaus konkurrenzfähig“, meint Erber. Auch gebe es hier immer noch Hersteller, die wichtige Bestandteile für die Industrie liefern, wie etwa der Pharma- und Chemiekonzern Merck, der Flüssigkristalle für Bildschirme herstellt.

So sieht das auch Axel Pols, Chefvolkswirt des Hightech-Verbandes Bitkom. Deutschlands Stärken lägen in der Entwicklung industrienaher Anwendungen. „Unsere Schlüsselkompetenz liegt im IT-Know-how, das in Autos, Computertomografen oder in der Steuerung von Produktionsmaschinen steckt.“

Ob der Rückzug von Siemens aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit Fujitsu hierzulande Arbeitsplätze kosten wird, ist noch offen. Die wichtigsten Standorte sind das Stammwerk in Augsburg mit 2000 Mitarbeitern, das Werk in Sömmerda, der Vertrieb in Bad Homburg, Forschung und Entwicklung in Paderborn und die Hauptverwaltung in München. „Wir werden in den nächsten Monaten das Geschäft neu ausrichten“, sagte ein Unternehmenssprecher. „Dabei wird es möglicherweise auch zu Gesprächen über Anpassungen kommen.“ Die IG Metall pocht jedoch auf Beschäftigungs- und Standortgarantien, die zum Teil bis zum Jahr 2012 reichen.

Für Siemens-Chef Peter Löscher ist der Verkauf der Beteiligung nur konsequent. Er will Siemens auf die drei strategischen Säulen Industrie, Energie und Gesundheit konzentrieren. Von der Handysparte, der Telekommunikationstechnik und dem Autozulieferer VDO hat sich Siemens bereits getrennt. Der Leuchtmittelproduzent Osram und der Hausgerätebauer Bosch-Siemens passen zwar auch nicht 100-prozentig in die drei Säulen des Konzerns, aber hier stimmt wenigstens die Rendite. „Es gibt keine Pläne, sich davon zu trennen“, bekräftigt ein Siemens-Sprecher. Corinna Visser

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