Siemens-Affäre : Börse feiert von Pierers Rücktritt

Nach heftiger Kritik wegen der Korruptionsaffären bei Siemens gibt Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer dem öffentlichen Druck nach. Am kommenden Mittwoch will er sein Amt niederlegen.

München - Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer ist über die Schmiergeldaffäre bei Deutschlands größtem Elektrokonzern gestürzt. Der 66-jährige erklärte in der Nacht zum Freitag seinen Rücktritt. "Ich gehe davon aus, dass die Neubesetzung des Aufsichtsratsvorsitzes auch einen Beitrag leisten wird, unser Unternehmen allmählich wieder aus den Schlagzeilen und in ruhigeres Fahrwasser zu bringen", sagte Pierer. Eine persönliche Verantwortung für die Affäre trage er aber nicht. Nachfolger Pierers wird Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp. Aktionärsschützer begrüßten den Rücktritt Pierers. Konzern-Chef Kleinfeld sowie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist, dankten Pierer für seine Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten.

Pierer stellt sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender mit Beginn der Aufsichtsratssitzung am kommenden Mittwoch (25. April) zur Verfügung. Er war in den vergangenen Wochen stark unter Druck geraten. Das System schwarzer Kassen bei Siemens, das derzeit die Justiz beschäftigt, war in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender aufgebaut worden. Pierer hatte stets betont, dass er keine Kenntnis von den möglichen illegalen Vorgängen hatte und als Vorstandschef weit weg gewesen sei vom operativen Geschäft. Zuletzt war wegen möglicher Schmiergeldzahlungen an den Gründer der Arbeitnehmerorganisation AUB der Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer verhaftet worden.

Cromme: Höchste Anerkennung

Die Börse reagierte mit einem kräftigen Kursanstieg auf die Nachricht von Pierers Rücktritt. Der Kurs legte zur Eröffnung um rund 3,5 Prozent auf knapp 90 Euro zu. "Das ist der richtige Schritt. Das nimmt jetzt viel Feuer aus dem Geschehen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) der dpa. Der Kursanstieg dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass die Schmiergeldaffäre das operative Geschäft weiterhin nicht belastet. Alle Geschäftsbereiche haben laut Branchenkreisen wie von Kleinfeld versprochen in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres die Margenziele der Konzernführung erreicht. Siemens legt am kommenden Donnerstag (26. April) Zahlen vor.

Vorstand und Aufsichtsrat dankten Pierer für seine Arbeit und stärkten ihm moralisch den Rücken. "Ich habe mit Heinrich von Pierer immer Rechtschaffenheit und Vorbildlichkeit verbunden", sagte Kleinfeld. "Das war so, und das gilt gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten." Das ganze Unternehmen sei ihm zu Dank verpflichtet. Der designierte Nachfolger Cromme erklärte, Pierer habe die Interessen des Unternehmens über seine eigenen gestellt. "Hierfür spreche ich ihm höchste Anerkennung aus."

Cromme ist Vorsitzender der Regierungskommission Corporate Governance und leitet bereits den Prüfungsausschuss im Siemens-Aufsichtsrat, der die Affäre aufklären soll. Cromme solle den Aufsichtsratsvorsitz für den Rest der laufenden Amtsperiode bis zur Hauptversammlung der Siemens AG am 24. Januar 2008 übernehmen, teilte Siemens mit. In Branchenkreisen wird damit gerechnet, dass danach ein neuer Aufsichtsrats-Vorsitzender den Posten übernehmen soll.

Einer der angesehensten Manager Deutschlands

Pierer sagte zu seinem Rücktritt, der zu diesem Zeitpunkt im Unternehmen für Viele überraschend kam: "Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass die Pflicht gegenüber dem Unternehmen und seinen weit mehr als 400.000 Mitarbeitern in aller Welt Vorrang vor eigenen Interessen haben muss."

Pierer war lange Zeit einer der angesehensten Manager in Deutschland. Er berät Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und galt zeitweise sogar als Unions-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Siemens führte er als Vorstandsvorsitzender von 1992 bis Ende Januar 2005. Anschließend wechselte er an die Spitze des Aufsichtsrats.

Bei Siemens sind in den vergangenen Jahren bis zu 420 Millionen Euro in schwarzen Kassen verschwunden und möglicherweise im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Zu den Beschuldigten zählt unter anderem auch der frühere Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, der ein enger Vertrauter Pierers war. Durch die bekannt gewordenen Millionenzahlungen an den Gründer der Arbeitnehmerorganisation AUB verschärfte sich die Krise bei Siemens. Auch aus dem Aufsichtsrat wurden Stimmen laut, die Pierer zum Rücktritt drängten. (tso/dpa)

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