Wirtschaft : Siemens-Anleger wollen Rendite statt Ruhe Die Börse gibt dem neuen Chef Vorschuss –

doch die Investoren setzen Joe Kaeser unter Druck.

Axel Höpner (HB)

München - Von seinem Schreibtisch aus hat Joe Kaeser die Finanzmärkte im Blick. Auf einem Monitor laufen kontinuierlich die Kurse der Weltbörsen. Was der Siemens-Chef sieht, wird ihn freuen. Seit er Ende Juli den Vorstandsvorsitz übernommen hat, ist der Aktienkurs des Konzerns um mehr als zehn Euro gestiegen. Gut neun Milliarden Euro zusätzlicher Börsenwert sind ein gewaltiger Vertrauensvorschuss.

Ein Vorschuss, der auch daher kommt, dass Kaeser versprach, Ruhe ins verunsicherte Unternehmen zu bringen. „Mein Ziel ist es, Siemens in ein ruhiges Fahrwasser zurückzuführen“, sagte er beim Amtsantritt. Auf einer Führungskräftetagung wird er diese Woche 600 Topmanager auf seinen Kurs einschwören.

Doch Kaesers Politik der ruhigen Hand reicht nicht aus, den zwar immer noch ertragreichen, aber trägen Konzern durch stürmische See zu navigieren: Erst forderte die Gehaltsaffäre um Betriebsratschef Lothar Adler ein schnelles Eingreifen. Kaeser musste Ende vergangener Woche den deutschen Personalchef Walter Huber deswegen zwangsbeurlauben. Jetzt rühren sich aber auch die Investoren. Es sind langjährige Gesprächspartner des früheren Finanzchefs Kaeser, die schnelle Veränderungen wollen: Rendite statt Ruhe.

„Da Kaeser nicht neu im Vorstand ist, braucht er eigentlich nicht die typischen 100 Tage“, sagte Henning Gebhardt von der Fondsgesellschaft DWS dem „Handelsblatt“. Es gebe viel zu tun: „von der Struktur, der fehlenden Profitabilität in Teilbereichen und immer neuen Einmalabschreibungen bis zur fehlenden Vision, für was Siemens stehen möchte“.

Auch Christoph Niesel von Union Investment fordert rasche Maßnahmen: „Den Geist von Siemens zu beschwören reicht nicht aus.“ Kaeser müsse die Siemensianer „dringender denn je“ von der Notwendigkeit eines „durchgreifenden und nachhaltig profitablen Konzernumbaus überzeugen und verkrustete Strukturen aufbrechen.“ Zwar dürfte Siemens laut Industriekreisen das – gesenkte – Gewinnziel von rund vier Milliarden Euro im gerade zu Ende gegangenen Geschäftsjahr 2012/13 erreicht haben. Doch Kaeser ist es ebenso wie den Investoren ein Dorn im Auge, dass Rivalen wesentlich profitabler sind. So kam Siemens zuletzt auf eine operative Umsatzrendite von 7,5 Prozent. Die besten Wettbewerber lagen bei etwa elf Prozent. Das Sparprogramm, das derzeit läuft und dem 15 000 Jobs zum Opfer fallen, soll die Kosten zwar um 6,3 Milliarden Euro senken. Aber schon Kaesers Vorgänger Peter Löscher hatte einräumen müssen, dass die geplante operative Umsatzrendite von zwölf Prozent 2014 auch mit den Maßnahmen nicht zu schaffen ist. JP-Morgan-Analyst Andreas Willi kommt in einer aktuellen Studie zu dem Schluss, dass die Kosten über das Programm hinaus noch weiter sinken müssen, wenn Siemens wettbewerbsfähig sein wolle.

Kaeser steht also entgegen seiner Ankündigung vor unruhigen Zeiten. Er weiß das. Weitere Stellenstreichungen werde es nicht geben, aber: „Wir müssen die Lücke zum Wettbewerb schließen“, stellt der Konzernchef in einem Mitarbeiterbrief klar. Axel Höpner (HB)

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