Wirtschaft : Siemens baut radikal um

MÜNCHEN (tmh).Die Siemens AG, Berlin/ München, steht vor der größten Aufgabe von Geschäftsfeldern ihrer Firmengeschichte.Der Elektrokonzern will sich von weltweit 60 000 Mitarbeitern und 17 Milliarden DM trennen und damit einige Problemgebiete bereinigen, kündigte Firmenchef Heinrich von Pierer in München vor Journalisten an.Insgesamt gibt Siemens damit ein Viertel seiner 200 Geschäftsfelder und ein Siebtel seines Weltumsatzes ab.Größter Brocken des Desinvestments ist die Trennung vom kompletten Arbeitsgebiet Bauelemente mit allein elf Milliarden DM Umsatz und gut 47 000 Stellen.

Die Sparte Halbleiter sowie eventuell die Sparte Passive Bauelemente und Röhren soll an die Börse, wobei ein Termin noch aussteht.Die Gründe für die komplette Aufgabe eines von sieben Siemens-Arbeitsgebieten liege nicht in den aktuell hohen Verlusten des Halbleiter-Bereichs, betonte von Pierer zunächst.Vielmehr wolle Siemens den dort nötigen Kapitalbedarf nicht mehr alleine tragen."Wir halten die Zyklen nicht aus," räumte der Siemens-Chef auf Fragen dann hinsichtlich der stark schwankenden Ergebnisse im Chipgeschäft ein.Der Halbleiterbereich solle "in Schritten und relativ schnell" vollständig die Börse.

Die dritte Bauelemente-Sparte - Elektromechanische Komponenten - will Siemens verkaufen.Veräußert wird ferner das Geschäft Nachrichtenkupferkabel.Käufer gibt es noch nicht.Für die Produktsparte Kassensysteme werden "Optionen erarbeitet, die auch einen Börsengang einschließen".Das Geschäft mit Starkstromkabeln wurde bereits an Pirelli, die Siemens Schienenfahrzeugtechnik GmbH an Vossloh veräußert.Dazu stehen kleinere Industrieaktivitäten auf der Verkaufsliste.Etwa 30 000 Mitarbeiter werden so im Inland aus dem Konzernverbund gelöst, darunter als Kernstück das Dresdner Chipwerk.Das bedeute nicht, daß die Stellen verloren gehen, betonte von Pierer.

Dem Rückzug aus Bauelementen stehe zudem eine "Vorwärtsstrategie" in anderen Geschäftsgebieten gegenüber.So müßten die Bereiche Computersysteme mit Produkten rund um den PC und Kommunikationsendgeräte mit Produkten wie Mobiltelefonen gestärkt werden.Im Bereich IC Netzwerke strebt Siemens in den USA Neugründungen und Zukäufe an.Einen "Milliardendeal" gebe es aber nicht, sagte von Pierer.Ein Blick auf die vorläufige Bilanz für das Geschäftsjahr 1997/98 macht die sich abzeichnende Radikalkur verständlich."Siemens hatte mehrere Hagelschläge zu verkraften," kommentierte der Konzernchef.Allein der Halbleiter-Bereich hat wegen immenser Preisverfälle für einen Fehlbetrag von 1,2 (Vorjahr plus 0,1) Mrd.DM gesorgt, der in der laufenden Periode deutlich reduziert werden soll.Für hohe Defizite von 760 Mill.DM sorgte 1997/98 auch die in Berlin angesiedelte Sparte Verkehrstechnik.Diesen "Sanierungsfall" will von Pierer im Alleingang ohne neue Allianzen wieder in die schwarzen Zahlen führen.In die Verlustzone schlitterte ferner der Bereich KWU/Energieerzeugung.Darüber hinaus sorgten Mobiltelefone sowie Krisenregionen wie Asien für Belastungen von 900 Mill.DM.Insgesamt werden die Profite von einem Restrukturierungsaufwand von vier Mrd.DM vor Steuern belastet.Nach Abzug von Gewinnen durch Firmenverkäufe verbleibt ein außerordentliches Ergebnis nach Steuern von minus 1,74 Mrd.DM.Dieser hohe Einmalaufwand sei die Basis für künftig stark steigende Ergebnisse, versprach von Pierer.Ohne außerordentliche Effekte ist der Jahresüberschuß 1997/98 unter Plan um zwei Prozent auf 2,66 Mrd.DM gestiegen.Die Dividende bleibt für 1997/98 bei 1,50 DM je Aktie konstant.Der Konzernumsatz hat um zehn Prozent auf 118 Mrd.DM, der Auftragseingang um sechs Prozent auf 120 Mrd.DM zugelegt.Global beschäftigte Siemens Ende 1997/98 rund 416 000 Mitarbeiter.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben