Wirtschaft : Siemens-Beschäftigte fürchten wieder um ihre Jobs

Nach dem schlechten Weihnachtsgeschäft ist die Diskussion um die Handy-Sparte neu entbrannt – Analysten empfehlen den Verkauf

Corinna Visser

Berlin - Die Mitarbeiter der Siemens- Handy-Sparte fürchten erneut um ihre Arbeitsplätze. „Das Gerede von Vorstandsmitgliedern über Kooperationen, Schließungen oder einen Verkauf der Handysparte verunsichert die Belegschaft bis ins Mark“, sagte Georg Nassauer, Vorsitzender des Siemens-Konzernbetriebsrats, dem „Tagesspiegel am Sonntag“. „Dieses Gerede sollte besser unterbleiben.“ Siemens sei „auf jeden Fall eine Verpflichtung eingegangen, in Deutschland weiter Handys zu produzieren“, sagte Nassauer. Experten gehen jedoch davon aus, dass das für die Handyhersteller so wichtige Weihnachtsgeschäft bei Siemens schlechter als erhofft gelaufen ist – kein gutes Vorzeichen für die Hauptversammlung am 27. Januar. Zu diesem Termin will der scheidende Siemens-Chef Heinrich von Pierer ein Konzept für die defizitäre Handy-Sparte vorlegen.

„Sanieren, schließen, verkaufen oder einen Partner für eine Zusammenarbeit finden“, so beschrieb von Pierer bei seinem China-Besuch vergangene Woche die Optionen für das „Sorgenkind“ im Konzern. Die Handy–Sparte wies im Ende September beendeten Geschäftsjahr einen Verlust von 152 Millionen Euro aus. Bereits im vergangenen Sommer hatte es einen heftigen Kampf um den Erhalt der Produktionsstandorte Kamp-Lintfort (Mobiltelefone) und Bocholt (schnurlose Telefone) gegeben. Der Konzern drohte mit der Verlagerung der Produktion nach Ungarn. Die Belegschaft willigte unter anderem in eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ein, dafür sagte der Konzern zu, die Fertigung an den zwei Standorten zu belassen, dort sogar zu investieren.

„Das Problem zu hoher Lohnkosten ist kein Argument mehr“, sagt Nassauer. „Durch die Änderung des Tarifvertrages entspricht das Lohnniveau dem in Billigstandorten.“ Bisher würden die Zusagen aus der Rahmenvereinbarung von Siemens eingehalten, auch was den Ausbau der Entwicklungsabteilung am Standort Kamp-Lintfort betreffe. Aber „die Glaubwürdigkeit von Vorstandsmitgliedern, die kurz nach der Änderung des Tarifvertrages von Schließung oder Verkauf reden, ist erschüttert“.

Nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ plant Siemens auch in anderen Geschäftsbereichen Einschnitte. So sei der Abbau von mehr als tausend Stellen in München beschlossen worden. Der Konzern selbst sprach dagegen von Spekulationen.

Analysten halten eine Handy-Produktion am Standort Deutschland durchaus für wettbewerbsfähig. „Die Kostenvorteile einer Produktion außerhalb Deutschlands sind nicht voll kriegsentscheidend“, sagt Analyst Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Auch der hochprofitable Marktführer Nokia baut seit mehr als zehn Jahren Handys in Bochum. „In dem Produktionsverbund, den Siemens hat – mit Werken in Deutschland, Brasilien und China – macht eine Fertigung hier zu Lande Sinn, um kurzfristig auf Marktentwicklungen reagieren zu können“, sagt Rothauge. Die Kernursache für die Verluste im Handygeschäft sehen Analysten vielmehr im Versagen des Managements. Zu oft habe Siemens wichtige Trends verpasst, etwa bei Handys mit hochauflösenden Farbdisplays oder Geräten für die neue Mobilfunktechnik UMTS. Zudem wirkte sich die Software- Panne bei der Einführung der neuen 65er Modellreihe im vergangenen Sommer negativ auf das Image der Siemens-Produkte aus. Schlechtes Timing bestraft der schnelllebige Markt sofort.

Im Handygeschäft sind Gewinnspannen von 20 Prozent und mehr drin. Voraussetzung dafür sind jedoch hohe Stückzahlen wie sie Nokia oder Samsung erzielen. „Siemens ist mit Vertriebspunkten in 190 Ländern dieser Erde vertreten. Da muss es dem Konzern auch gelingen, das Handy-Geschäft zu beherrschen“, sagt Konzernbetriebsratschef Nassauer. „So ein finanzstarker Konzern hat es nicht nötig, als Erster aufzugeben.“ Doch der Druck des Finanzmarktes sei groß.

„Der Kapitalmarkt würde es begrüßen, wenn Siemens sich von der defizitären Handy-Sparte trennen würde“, sagt Oliver Drebing, Analyst von SES Research. Er geht „fest davon aus, dass Siemens für das abgelaufene Quartal ganz schlechte Absatzzahlen melden wird.“ Das hat auch die Belegschaft gespürt: „Das Weihnachtsgeschäft ist nicht gut gelaufen, wir haben es besser erwartet“, sagt Betriebsratschef Michael Leucker aus Kamp-Lintfort. „Wir waren einigermaßen ausgelastet, aber wir hätten mehr machen können.“ Analyst Rothauge schätzt, dass zwischen Oktober und Dezember 2004 erneut ein Verlust von 30 Millionen Euro in der Handy-Sparte angefallen ist. „Das ist durchaus Besorgnis erregend“, sagt er.

Als potenzielle Käufer oder Partner für das Siemens-Handygeschäft waren immer wieder vier Hersteller im Gespräch: Ningbo Bird (China), LG Electronics (Korea), NEC und Panasonic (beide Japan). Für die drei Großen – Nokia, Samsung und Motorola – macht eine Übernahme dagegen keinen Sinn. Die anderen aber könnten mit Siemens’ Unterstützung ihre Chancen auf Europas und Lateinamerikas Märkten verbessern. Analysten halten eine Kooperation mit NEC für eine vielversprechende Lösung. „Siemens arbeitet bereits mit NEC zusammen und könnte so die Lücke bei UMTS-Geräten schließen“, sagt Rothauge. Ein Vorbild könnte das Joint Venture von Ericsson und Sony sein. Das funktioniert inzwischen gut.

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