Wirtschaft : Siemens erwartet für 2002 steigende Gewinne

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Die Siemens AG rechnet für das laufende Geschäftsjahr 2001/2002 wieder mit einer deutlichen Ergebnisverbesserung. Dies sagte Heinrich von Pierer, Chef des Elektronikkonzerns, am Donnerstag bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2000/2001. Eine genaue Prognose wollte er jedoch nicht abgeben, da die weitere wirtschaftliche Entwicklung durch die Anschläge vom 11. September noch unsicherer geworden sei.

Das abgelaufene Geschäftsjahr war vor allem geprägt durch hohe Verluste in der Chipproduktion der Siemens-Tochter Infineon und in der Handy- und Netzwerksparte. Diese Verlustbringer werden "kräftig arbeiten müssen, um wieder auf die Spur zu kommen", forderte von Pierer. "Der Weg ist steil," sagte der 58-Jährige angesichts der enttäuschenden Vorjahresergebnisse. Den größten Schnitt hat das Netzwerkgeschäft mit dem firmeninternen Kürzel ICN vor sich. Das soll bis 2004 vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) acht bis elf Prozent Gewinnmarge erzielen, nach minus 6,7 Prozent im Geschäftsjahr 2000/01.

Von Umstrukturierungen könnte auch der Standort Berlin betroffen sein. Gerade hier wurde in den vergangenen Jahren massiv in den Aufbau von Kapazitäten auch für den neuen Mobilfunkstandard UMTS investiert. "Es wird zunächst keine Neueinstellungen in dem Bereich geben", sagte eine Unternehmenssprecherin. Weitere Maßnahmen seien jedoch noch nicht bekannt. Ähnliches wie bei ICN wird vom Bereich Mobilkommunikation (ICM) erwartet.

Die drei Geschäftsbereiche ICN, ICM und SBS haben Siemens im Vorjahr zusammen gut 1,4 Milliarden Euro Verlust beschert. Ein harter Sanierungskurs, der auch den schon angekündigten Abbau von 17 000 der weltweit 484 000 Stellen einschließt und für mehrere Milliarden Euro Kostenentlastung sorgt, soll das ändern. Vor allem die Mobilfunk- und Netzwerksparte sind davon betroffen. Darüber hinausgehende Stellenstreichungen wollte von Pierer am Donnerstag nicht ausschließen. "Denn wer seine Ziele nachhaltig nicht erbringt, hat bei Siemens auf Dauer keine Chance," warnte von Pierer. Derzeit werde aber nicht überlegt, die drei Verlustbringer oder Teile davon abzugeben.

Das gilt auch für die elektronische Dienstleistungssparte, die "ein neues Geschäftsmodell" erhält und nach ihrer Sanierung mit Teilen des Netzwerkgeschäfts verschmolzen werden soll. Wann die drei Sorgenkinder, die die gesamte Siemens-Nachrichtentechnik umfassen, wieder profitabel arbeiten, wollte der Konzernchef nicht abschätzen. Speziell bei Handys, wo von Pierer mit Konkurrenten weiter Kooperationen aber keine Fusionen anstrebt, produziere Siemens schon wieder an der Gewinnschwelle. Die Kooperation mit dem japanischen Hersteller Toshiba ist zurzeit jedoch auf Eis gelegt worden.

Insgesamt haben die drei Problemfälle angesichts der in ihrem Bereich herrschenden Marktkrise ein Jahr länger, um ihre Renditeziele zu erreichen. Bereits 2003 müssen die anderen zehn Siemens-Bereiche ihre Vorgaben erfüllen. Das ist bei den beiden Bereichen schwierig, die jüngst mit Teilen der zugekauften Mannesmann Atecs verschmolzen wurden. Beide Sparten, der Kfz-Zulieferer Siemens VDO und das Automatisierungsgeschäft der Siemens Dematic, mussten zusammen im Vorjahr 320 Millionen Euro Verlust verbuchen. Bei Siemens VDO soll aus der negativen Gewinnmarge von 4,6 Prozent bis 2003 ein Plus von fünf bis sechs Prozent werden, bei Siemens Dematic aus minus 2,3 Prozent plus sieben bis neun Prozent. Zumindest Siemens Dematic dürfte dieses Geschäftsjahr wieder profitabel arbeiten.

Sorgen bereitet von Pierer derzeit auch das US-amerikanische Geschäft, das im Vorjahr 603 Millionen Euro Verlust einfuhr. Auch dort wird saniert, um im laufenden Geschäftsjahr 2001/02 die Ergebnisse "deutlich" zu verbessern, sagte Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger. Die USA sind mit 20 Milliarden Euro Umsatz und 80 000 Mitarbeitern für Siemens noch vor Deutschland größter Einzelmarkt.

Deutlich besser sollen die Ergebnisse dieses Jahr auch auf Ebene des Gesamtkonzerns werden. Weder für das laufende Quartal noch für das Gesamtjahr machten von Pierer und Neubürger aber konkrete Prognosen. 2000/01 war der Nachsteuergewinn um drei Viertel auf noch gut zwei Milliarden Euro eingebrochen. Massiv schlugen dabei jedoch Sanierungskosten und die Vollkonsolidierung der ungeliebten Tochter Infineon zu Buche.

Dieses Jahr gehen die Ergebnisse der weiter unter einer Marktkrise leidenden Infineon aber nur noch anteilig zu knapp 50 Prozent in die Siemens-Bilanz ein, da die Mutter ihren Anteil durch Aktienverkäufe stark gesenkt hat. Denn die Mutter hat mittlerweile durch Aktienverkäufe und die Übertragung von Infineon-Papieren an einen US-Trust den eigenen Infineon-Anteil auf unter 50 Prozent gedrückt und somit die alleinige Kontrolle über Infineon aufgegeben. Siemens werde sich irgendwann ganz davon lösen, bleibe aber für nicht absehbare Zeit ein bedeutender Anteilseigner und auf Dauer ein treuer Kunde, stellte von Pierer klar.

Auch ohne Infineon habe Siemens im Vorjahr aber eine Halbierung des operativen Gewinns auf 1,3 Milliarden Euro hinnehmen müssen. Die Umsätze sind dabei um 15 Prozent auf 82 Milliarden Euro gewachsen. Aber auch deren Entwicklung im laufenden Jahr wollte von Pierer, dessen Vorstandsvertrag 2004 ausläuft, nicht abschätzen. Für seine Nachfolge habe er zusammen mit Siemens Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann etwa sechs Kandidaten "in Beobachtung".

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