Wirtschaft : Siemens: Konzern weitet Handyfertigung in China aus

Bernd Hops

Die Arbeitnehmer von Siemens befürchten weitere Stellenstreichungen. "Ich sehe schwarz", sagte der Siemens-Beauftragte der bayerischen IG Metall, Wolfgang Müller, am Mittwoch in München. Es sei möglich, dass in den nächsten Monaten weiterer Arbeitsplatzabbau über die bisher verkündeten rund 17 000 Stellen hinaus verkündet werde. Die Konzernleitung müsse sich bald mit den Arbeitnehmern an einen Tisch setze. "Sonst müssen wir Krawall machen." Insbesondere bei jüngeren Siemens-Mitarbeitern mache sich "nackte Angst" breit. Die Gewerkschaft sei zu Verhandlungen über flexiblere Arbeitszeitmodelle bereit, sagte Müller. Die Beschäftigung müsse im zyklischen Abschwung der High-Tech-Branche zunächst gleichmäßiger verteilt werden. Zum Wochenbeginn hatte der Siemens-Vorstand drastische Stellenkürzungen in den Bereichen Information und Kommunikation angekündigt.

Die Handyproduktion des Unternehmens in China läuft derweil auf Hochtouren. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche arbeiten die Maschinen, werden Bauteile von Robotern auf Platinen gelegt und Handys für den Transport verpackt. Siemens investiert kräftig in seinen Standort Schanghai, auf den neben dem deutschen Werk im niederrheinischen Kamp-Lintfort die Handyproduktion des Konzerns konzentriert werden soll. Erst vor wenigen Tagen haben zwei neue Produktionslinien für jeweils neun Millionen Mark den Betrieb aufgenommen. Daneben entstehen auf dem Gelände der Siemens Shanghai Mobile Communications Ltd. (SSMC) neue, weiß verklinkerte Verwaltungsgebäude - oder sind gerade frisch bezogen worden.

Im Gegensatz zum Rest der Welt wächst der Mobilfunkmarkt in China weiterhin stark. Nicht einmal jeder zehnte Bürger der Volksrepublik hat ein Handy, in Europa werden bereits Raten von mehr als 60 Prozent erreicht. Trotzdem ist China mittlerweile der größte Mobilfunkmarkt weltweit und zählte nach Branchenschätzungen rund 121 Millionen Nutzer. Bis zum Jahresende sollen es etwa 130 Millionen sein. Das weitere Potenzial ist riesig, schließlich zählt China etwa 1,4 Milliarden Einwohner. Siemens will über sein 1993 gegründetes deutsch-chinesisches Joint-Venture SSMC von dem Wachstum des Mobilfunkmarktes profitieren, sowohl bei Handys als auch bei der Ausrüstung der Funknetze. In den vergangenen Jahren stieg der Marktanteil von Siemens-Handys in China stark an, von lediglich zwei Prozent im Jahr 1998 auf zurzeit etwa 14 Prozent. Größte Konkurrenten sind Nokia und Motorola, die beide mehr als 30 Prozent Marktanteil haben.

SSMC-Finanzvorstand Joachim Rutzen schätzt, dass sich der Umsatz der Siemens-Tochter im Jahr 2001 im Vergleich zum Vorjahr etwa verdoppeln werde. Und auch für 2002 erwarte er ein abgeschwächtes, aber immer noch deutlich zweistelliges Wachstum von etwa 30 Prozent. Beruhigend für Kozernchef Heinrich von Pierer dürften die Gewinnprognosen sein. Während die Handy- und Netzwerksparte Siemens in der übrigen Welt satte Verluste beschert, rechnet Rutzen in diesem Jahr mit einem Gewinn von umgerechnet etwa 150 Millionen Mark: "Und ich bin sehr optimistisch, dass das Ergebnis noch besser wird."

Die Produkton im Schanghaier Stadtteil Pudong - Anfang der 90er Jahre noch weitgehend Ackerland und heute geprägt von Wolkenkratzern und mehrspurigen Schnellstraßen - wird wegen der guten Aussichten stark ausgeweitet. Ende 2002 sollen hier etwa 3800 Menschen arbeiten, vor vier Jahren waren es nur 387. Im vergangenen September sei erstmals die Schallmauer von einer Million Mobiltelefonen durchbrochen worden, sagt Rutzen. Mittelfristig solle die Monatsproduktion bis zu 1,5 Millionen Handys erreichen. "Gleichzeitig wird auch die Exportquote steigen", kündigt Rutzen an. Schon heute wird nicht nur der chinesische Markt beliefert, sondern ein Drittel der Produktion - jährlich 2,5 Millionen Handys - gehen ins Ausland, auch nach Europa. Im Jahr 2003 sollen 9,5 Millionen Mobiltelefone ausgeführt werden, mehr als die derzeitige Jahresproduktion.

Mit Zweifeln behaftet ist der weitere Weg der Netzwerksparte. Hier konnte Siemens seine Marktanteile in China von 17 Prozent im Jahr 1998 leicht auf inzwischen 20 Prozent ausdehnen. Und um die koninuierlich steigende Zahl der Kunden bedienen zu können, müssen die beiden chinesischen Mobilfunkanbieter China Mobile und China Unicom auch ihr Netz immer weiter vergrößern. Das garantiert bisher stabile Aufträge, wenn auch die Nachfrage nach Basisstationen bei weitem nicht so dynamisch ist wie nach Handys. Rund um die Uhr muss nicht gearbeitet werden, sondern es reichen zwölf Stunden am Tag. Und zurzeit werden von der Sparte 70 Mitarbeiter an die Handyproduktion ausgeliehen. Doch produziert Siemens in China auch bisher nur für den Binnenmarkt. Das könnte sich bald ändern. "Wir verhandeln über Exporte", sagt Rutzen.

Der große Test steht der Netzwerksparte Ende 2002 bevor. Dann entscheidet die chinesische Regierung voraussichtlich darüber, wie das Mobilfunknetz der dritten Generation in China aussehen soll. Obwohl im Werk Schanghai auf großen Bildschirmen Werbespots für UMTS-Handys laufen, setzt Siemens vor allem auf den Standard TD-SCDMA, der von SSMC zusammen mit einem chinesischen Partner, der staatlichen Akademie für Telekommunikationstechnologie, weiterentwickelt wurde.

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