Wirtschaft : Siemens löst eine Lawine aus

Immer mehr Unternehmen wollen ihre Mitarbeiter wieder 40 Stunden in der Woche arbeiten lassen - ohne Lohnausgleich

Heike Jahberg

Berlin – Nach der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche beim Siemens-Konzern wächst der Druck auf die Gewerkschaften, auch in anderen Unternehmen Arbeitszeit-Verlängerungen zuzustimmen. Der finanziell angeschlagene Reisekonzern Thomas Cook kündigte am Samstag an, seine Mitarbeiter ebenfalls wieder 40 Stunden arbeiten zu lassen. Zudem sollen Gehalt und Urlaub gekürzt werden. Kein Einzelfall: Nach Informationen der „Welt“ verhandeln derzeit mehr als 100 Unternehmen über eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich und über Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld, um Jobverlagerungen ins Ausland zu verhindern. Neben vielen mittelständischen Betrieben vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Bayern seien darunter auch Großunternehmen wie Daimler-Chrysler und MAN.

Um die Verlagerung von 2000 Arbeitsplätzen nach Ungarn zu verhindern, hatte die IG Metall am Donnerstag den Forderungen des Siemens-Managements zugestimmt, an den Standorten Kamp-Lintfort und Bocholt die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich wieder einzuführen. Zudem erhalten die Mitarbeiter künftig statt Weihnachts- und Urlaubsgeld eine erfolgsabhängige Jahreszahlung. Für weitere 2300 Mitarbeiter an anderen Siemens-Standorten laufen die Verhandlungen jedoch noch.

IG-Metall-Chef Jürgen Peters kündigte am Samstag an, er wolle eine flächendeckende Rückkehr zur 40-Stunden-Woche verhindern. Die Einigung bei Siemens sei ein Einzelfall und für die Gewerkschaften eine „bittere Pille“. Der Vorsitzende der IG Bau, Klaus Wiesehügel, lehnte eine Übertragung des Siemens-Modells auf die Baubranche entschieden ab. Der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie, Hubertus Schmoldt, forderte eine staatliche Förderung von Jobs, die von einer Verlagerung ins Ausland bedroht sind. Der Sprecher der Gewerkschaft Verdi, Harald Reutter, sagte dem „Tagesspiegel am Sonntag“, angesichts des boomenden Exports könne man nicht davon reden, dass „die Löhne in Deutschland zu hoch sind.“

Das sehen Unionspolitiker anders. CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Edmund Stoiber empfahlen Siemens als Modell. Mit der Vereinbarung sei die 35-Stunden-Woche als „deutscher Sonderweg“ am Ende, sagte Stoiber der „Bild am Sonntag“. Der bayerische Ministerpräsident war maßgeblich an der Kündigung des Arbeitszeit-Tarifvertrags im öffentlichen Dienst beteiligt. Einer Verlängerung der Arbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden im Westen hat sich Verdi jedoch widersetzt.

Auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) begrüßte zwar den Siemens-Kompromiss als „absolut richtige Entscheidung“, warnte jedoch vor einer pauschalen Übertragung auf andere Unternehmen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Wend, forderte eine größere Flexibilisierung. „Es gibt Betriebe, in denen eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche sinnvoll ist, und andere, in denen eine Verkürzung der Arbeitszeit der richtige Weg ist“, sagte er dem „Tagesspiegel am Sonntag“. „Das kriegen die Tarifparteien aber schon selber hin“, lehnte Wend Lösungen auf gesetzlicher Ebene ab.

Wirtschafts- und Finanzministerium wiesen unterdessen Spekulationen zurück, die Regierung wolle den „Tag der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober als gesetzlichen Feiertag streichen. „Der Spiegel“ hatte gemeldet, die Regierung wolle auf diesem Wege die Wirtschaft ankurbeln. Zudem sei Rot-Grün dafür, zwei oder drei Urlaubstage abzuschaffen. Nach einer Faustformel bringt ein zusätzlicher Arbeitstag in Deutschland rund 0,1 Prozent mehr Wirtschaftsleistung.

mit HB, dpa und AFP

DER FALL SIEMENS

Für die Standorte Bocholt und Kamp-Lintfort haben Siemens und IG Metall am Donnerstag einen Ergänzungstarifvertrag zur Standortsicherung geschlossen: Die Arbeitnehmer arbeiten länger ohne Lohnausgleich, dafür verzichtet Siemens mindestens zwei Jahre lang auf die angedrohte Verlagerung der Produktion nach Ungarn.

DER TARIFVERTRAG

Im Februar hatten die Tarifpartner in der Metall- und Elektroindustrie einen Tarifvertrag geschlossen, nach dem auf betrieblicher Ebene die Arbeitszeit auf bis zu 40 Stunden verlängert werden kann.

ANDERE BRANCHEN

Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie will bei der am Montag beginnenden Tarifrunde über längere Arbeitszeiten verhandeln. Firmen sollen die Arbeitszeit von 39 Stunden um drei Stunden ohne Lohnausgleich ausdehnen können, die Gewerkschaft lehnt das ab. Bei den laufenden Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie fordern die Arbeitgeber ebenfalls die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.

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