Siemens : "Mir sind keine schwarzen Kassen begegnet"

Siemens-Personalvorstand Siegfried Russwurm über Korruption, das Amnestieprogramm und den Standort Berlin.

Siegfried Russwurm
Siegfried Russwurm. -Foto: Promo

Herr Russwurm, mögen Sie Rotwein?

Ja – zur passenden Gelegenheit.

Wenn ich Ihnen einen 1999er Bordeaux, der im Laden 530 Euro kostet, als Zeichen unserer guten Zusammenarbeit schenken wollte, was würden Sie tun?

Erstens würde ich wahrscheinlich gar nicht merken, wie teuer der ist, weil ich kein Rotwein-Profi bin. Zweitens würde ich mich wundern, warum Sie das tun. Drittens würde ich mir eine Frage stellen, die mein Vorstandskollege Peter Solmssen formuliert hat: Möchte ich, dass eine Meldung über dieses Geschenk in der Zeitung steht? Bevor ich lesen müsste, für die Zusammenarbeit mit Ihnen einen so teuren Rotwein bekommen zu haben, würde ich Sie um Verständnis bitten, dass ich Ihr Geschenk nicht annehmen kann.

Ist das realistisch?

Ja, das ist realistisch. Wir müssen überlegen, was wir tun und welche Wirkung wir hervorrufen. Es geht auch darum, nicht den falschen Anschein zu erwecken.

Was hätte ein leitender Mitarbeiter zu befürchten, der meine Flasche Rotwein annimmt?

Es würde eine Ermahnung geben, wenn er weiter nichts getan hat. Wenn sich herausstellen würde, dass er mit dem Schenker in einer Geschäftsbeziehung steht, müssten wir uns anschauen, was dahinter steckt. Es ist inzwischen jedem im Unternehmen glasklar, dass es für solche Fälle disziplinarische Maßnahmen gibt – in der ganzen Spanne, die das Arbeitsrecht zulässt.

Wie ist die Resonanz darauf?

Überwiegend positiv im Sinne von: Es ist jetzt glasklar geregelt. Und auch die letzten verbleibenden Unsicherheiten werden aufgeklärt. Wir haben ein Internet-Hilfsportal für unsere Mitarbeiter eingerichtet, das gut angenommen wird. Da kriegt jeder sehr schnell eine Antwort, ob etwas zulässig ist oder nicht.

Sie sind seit 15 Jahren im Unternehmen. Sind Ihnen jemals schwarzen Kassen begegnet?

Mir sind keine schwarzen Kassen begegnet. Ich als Ingenieur hatte nicht so häufig direkten Kundenkontakt. Ich habe aber durchaus auch Situationen erlebt, in denen mir jemand Angebote oder Vorschläge gemacht hat, die ich einfach abgelehnt habe.

Siemens hat ein Amnestieprogramm aufgelegt. Aber wie kann das Unternehmen eine Amnestie gewähren, wenn es um strafrechtliche Verstöße geht?

Das Amnestieprogramm hat das Ziel, uns bei der Aufklärung von Verstößen zu helfen, deshalb wird es von der Staatsanwaltschaft auch begrüßt. Es richtet sich nicht an das Top-Management, sondern an die Mitarbeiter aus den Ebenen, wo strafrechtlich relevante Verantwortung eher unwahrscheinlich ist. Wenn solche Mitarbeiter uns bei der Aufklärung helfen, sehen wir von Sanktionen ab. Allerdings prüfen wir jeden Einzelfall.

Wie viele Fälle fallen bisher unter das Amnestieprogramm?

Bisher haben sich rund 40 Menschen gemeldet. In vier Fällen haben wir einer Amnestie zugestimmt, in zwei Fällen nicht. Den Rest prüfen wir noch.

Ist das angesichts von weltweit mehr als 400 000 Mitarbeitern nicht eine sehr geringe Zahl?

Das ist eine sehr vernünftige Zahl. Man muss ja im Blick behalten, dass der allergrößte Anteil der Mitarbeiter an sauberen Geschäften arbeitet.

Es gibt auch eine 24-Stunden-Hotline, bei der man sich Rat holen kann, wenn man Zweifel daran hat, ob ein Geschäft sauber ist. Muss das rund um die Uhr sein?

Natürlich, wir sind ein globales Unternehmen. Der Mitarbeiter in Indonesien, der an einem Geschäft arbeitet, kann nicht warten, bis in München die Sonne aufgeht.

Wie viele Anrufe gehen denn da ein?

Im vergangenen Quartal waren es 746 Anrufe. Wir sind jetzt insgesamt bei etwa 1000. Je mehr sich herumspricht, dass einem da tatsächlich geholfen wird, desto mehr Menschen rufen an.

Nahezu täglich werden wichtige neue Erkenntnisse über die Korruptionsaffäre gewonnen, berichten Ihre Berater von der New Yorker Kanzlei Debevoise & Plimpton. Wann wird das aufhören?

Wir werden für eine klare Aufklärung der Verantwortlichkeiten sorgen. Wir verlassen uns auf diese sehr erfahrene Kanzlei, die so lange Fakten sammelt, bis sie ein klares Bild hat.

Was ist denn Ihre Erwartung? Ist das in diesem Jahr abgeschlossen?

Ich könnte da nur spekulieren. Aber ich hoffe, dass wir das zügig abarbeiten können. Meine persönliche Einschätzung ist: Wir werden in den nächsten Monaten ein deutlicheres Bild der Verantwortlichkeiten für das systematische Fehlverhalten haben. Da sind auch unsere Berater zuversichtlich. Kann ich ausschließen, dass in einem Jahr jemand mit einem Fall von anno dunnemals kommt? Nein – das kann ich nie, das kann Siemens nicht, das kann auch kein anderes Unternehmen.

Nokia beendet gerade die Handyproduktion in Deutschland. Wie wettbewerbsfähig ist der Standort noch?

Der Standort ist extrem wettbewerbsfähig, wenn wir unseren wichtigsten Rohstoff einsetzen können, und das ist nun einmal der Geist. Unser Land ist nicht mit Bodenschätzen gesegnet oder auch mit vielen Flüssen, die uns billig ganz viel Strom bescheren. Alle Wertschöpfungsschritte, bei denen es auf gut ausgebildete Menschen ankommt, können in Deutschland wettbewerbsfähig sein.

Berlin ist Ihr größter Fertigungsstandort weltweit. Wie wird er sich entwickeln?

Für Berlin gilt genau das Gleiche wie für Deutschland insgesamt. Berlin ist ein ganz wichtiger Forschungsstandort und ein Produktionsstandort für sehr komplexe Produkte in geringen Stückzahlen. Antriebe für Kreuzfahrtschiffe wie die „Aida“ stellt man halt nicht in großer Zahl her, aber dafür braucht man eine herausragende Ausbildung. Solche Sachen machen wir in Berlin.

Wie wird sich die Mitarbeiterzahl in Berlin entwickeln?

Es gibt kein goldenes Buch, in dem ich das nachschlagen kann. Jedes Geschäft muss für sich entscheiden, wie es sich global schlägt. Wir haben jetzt mehr als 12 000 Mitarbeiter in der Stadt, mit den Tochtergesellschaften sogar mehr als 15 000. Hinzu kommen viele Zulieferer. Im Moment haben wir in Berlin 130 freie Stellen und in ganz Deutschland 3100. Berlin ist der größte Ausbildungsstandort mit rund 1000 Azubis. Das alles zeigt, wie wichtig uns Berlin ist.

Ist vorstellbar, dass ganze Bereiche in die Hauptstadt verlagert werden – oder sogar die Zentrale? Schließlich wurde Siemens ja vor 160 Jahren in Berlin gegründet.

Ich schmunzele ein bisschen, weil sich manche Menschen vorstellen, dass da ein ganz großer Tross kommt und ein ganz großes Bürogebäude baut…

… so war es ja in München.

Das waren besondere Verhältnisse nach dem Krieg. Heute darf man sich das nicht so vorstellen. Unser Geschäft ist global. Da muss man die Frage stellen, was das eigentlich ausmacht, wo ein Geschäft seine Zentrale hat. Der Sektor Healthcare, aus dem ich komme, hat seine Zentrale in Erlangen, aber beschäftigt inzwischen in Philadelphia in den USA fast genauso viele Mitarbeiter. Wenn Sie die Verantwortlichen fragen, wo sie sich am meisten aufhalten, dann hören Sie hoffentlich: beim Kunden. Danach kommen irgendwelche Flughafenlounges, und ab und zu sind wir auch im Büro.

Jedes Vorstandsmitglied hat ja inzwischen in Berlin ein Büro.

Berlin ist für uns wichtig, auch im Sinne unserer Wurzeln. Das ist kein Lippenbekenntnis. Jeder, der in die Siemens-Verwaltung in der Nonnendammallee kommt, kann die Tradition mit Händen greifen. Wir sind stolz auf Berlin und unsere Tradition, weil sie uns in schwierigen Zeiten einen Fingerzeig gibt, wofür das Unternehmen steht.

Und wofür?

Nach intensiver Diskussion mit vielen Mitarbeitern haben wir das sehr klar formuliert und auf drei Begriffe gebracht: verantwortlich, exzellent und innovativ.

In den letzten Jahren hat sich der Anteil der deutschen Mitarbeiter an der Gesamtzahl weltweit stetig verringert und liegt jetzt erstmals unter einem Drittel. Mit welchem Tempo geht das weiter?

Man muss das mit dem Umsatz ins Verhältnis setzen. Wir freuen uns über alle Steigerungsraten in unserem Deutschlandgeschäft, aber es beläuft sich auf 17 Prozent unseres Umsatzes.

Soll das heißen, dass der Anteil der Mitarbeiter in Deutschland bald 17 Prozent und nicht mehr 32 Prozent beträgt?

Nein. Ich wollte nur ausdrücken, dass man sich nicht beschweren darf, dass der Anteil der Mitarbeiter in Deutschland niedriger geworden ist. Der Mitarbeiteranteil ist prozentual etwa doppelt so hoch wie der Umsatzanteil Deutschlands am Weltgeschäft. Das ist in keiner anderen Region der Welt so. Erfreulich ist auch, dass wir im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres netto in Deutschland 1200 neue Stellen geschaffen haben – das ist fast so viel wie im gesamten letzten Jahr.

Etwa jeder vierte Siemens-Mitarbeiter ist in den USA beschäftigt, wo jetzt eine Rezession erwartet wird. Wie schlägt sich das auf Ihr Geschäft nieder?

Es gibt Anzeichen dafür, dass sich der private Konsum in den USA eintrübt. Weil wir aber überwiegend ein Infrastrukturanbieter sind, wird das für uns keine Auswirkungen haben, oder sie werden erst sehr viel später kommen. Es ist Handwerkszeug eines Geschäftsverantwortlichen, sich mit unterschiedlichen konjunkturellen Lagen auseinanderzusetzen. Diese Frage will ich auch in unserer Führungskräftebeurteilung stärker fokussieren: Hat jemand schon mal bewiesen, dass er in schwerem Wetter segeln kann? Man kann – das zeigt die 160-jährige Geschichte unseres Unternehmens – auch in schwierigen Lagen erfolgreich sein.

Das Gespräch führte Moritz Döbler.

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