Wirtschaft : Siemens Nixdorf läßt länger arbeiten

Mehrarbeit ohne Lohnausgleich im Produktservice geplant / Bereich geht in fünf GmbHs auf

BERLIN (mot).Die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) gliedert ihr Produktservice-Geschäft in fünf neue Service-Unternehmen aus, die die defizitäre Sparte aus der Verlustzone bringen sollen.Die 1700 von der Umstrukturierung betroffenen Mitarbeiter sollen zudem künftig länger arbeiten.SNI-Geschäftsführer Paul Stodden erklärte am Donnerstag abend in Berlin, die wöchentliche Arbeitszeit werde um fünf auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich erhöht.Die neuen Servive-GmbHs werden laut Stodden nicht mehr dem Arbeitgeberverband angehören, Haustarife werde es auch nicht geben.Den Beschäftigten würden aber ­ mit Ausnahme der Arbeitszeit ­ alle tarifvertraglichen Konditionen in Einzelverträgen zugesichert.Durch die längere Arbeitszeit sollen jährlich 30 Mill.DM eingespart werden.Mittelfristig könnten 200 bis 400 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, so Stodden.Sitz der neuen "Sinitec Service für Informationssysteme GmbHs" werden Hamburg (für die Region Nord), Berlin (Ost), Essen (West), Frankfurt (Main) (Mitte und Südwest) sowie München (Süd) sein. Im Rahmen einer bundesweiten Protestaktion gegen Siemens haben am Freitag rund 150 Techniker von Siemens Nixdorf in Berlin-Spandau gegen die angekündigte Tarifflucht ihres Unternehmens demonstriert.IG Metall und Betriebsrat kritisierten, SNI wolle mit der Ausgliederung tarifvertragliche Regelungen unterlaufen und betreibe "Sozial-Dumping".Die Mehrarbeit ohne Lohnausgleich komme einem Lohnverzicht von 15 Prozent gleich.Heinrich Wynands, Betriebsratsvorsitzender bei SNI-Berlin sagte, die Belegschaft habe seit mehr als anderthalb Jahren an einer Erhöhung der Produktivität mitgewirkt."Die Ignoranz des SNI-Vorstandes ist erschreckend." Als Alternative seien SNI Modelle zur Altersteilzeit und Arbeitszeitkonten angeboten worden.Dies wirke nicht dauerhaft kostensenkend, sagte Stodden.Stattdessen wolle man die Mitarbeiter künftig am Gewinn beteiligen.Erwartet werde, daß etwa 90 Prozent der im Service für PC, Kassen, Selbstbedienungs- und Peripheriesysteme Beschäftigten auf die neuen Bedingungen eingehen werden.Der Bereich Produktservice werde nach Verlusten von rund 80 Mill.DM im Geschäftsjahr 1995/96 im laufenden Jahr erneut ein Minus von 58 Mill.DM einfahren.Mit der neuen Struktur werde man in zwei Jahren schwarze Zahlen erreichen.Die Sinitec Ost beschäftigt 170 Mitarbeiter in Berlin, 140 in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie 24 in Rostock.Ihr Umsatz beläuft sich auf etwa 40 Mill.DM.Zu den größten Kunden gehören unter anderem die Bankgesellschaft Berlin, die Bewag und Schering. IM INTERVIEW"Wir sind in der jetzigen Struktur zu teuer"SNI-Geschäftsführer rechtfertigt Aufteilung der Service-Sparte / 300 neue Stellen in drei JahrenSiemens Nixdorf will den Bereich Produktservice umstrukturieren und die Mitarbeiter länger arbeiten lassen.Henrik Mortsiefer sprach darüber mit Paul Stodden, Geschäftsführungsmitglied bei der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI).­TAGESSPIEGEL: Warum wird der SNI-Produktservice aufgegliedert?STODDEN: Treibende Kraft ist die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Bereichs.Die Preise verfallen jährlich um fünf Prozent.Wir sind in der jetzigen Struktur beim Stundensatz einfach zu teuer.Mit den neuen Gesellschaften und Arbeitszeiten haben wir eine echte Wachstumschance.In drei Jahren wollen wir rund 300 Leute einstellen.TAGESSPIEGEL: Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, Sie seien auf der Tarifflucht?STODDEN: Wir haben nichts grundsätzlich gegen Tarifverträge, aber für unser Geschäft sehen wir derzeit keine geeigneten Tarifverträge.Vor allem die Öffnungsmöglichkeiten fehlen.Deshalb werden die Service-GmbHs keinem Arbeitgeberverband angehören.TAGESSPIEGEL: Sie wollen tarifvertragliche Leistungen in Einzelverträgen garantieren.Wie lange gilt diese Zusage?STODDEN: Für unbegrenzte Zeit.Wir werden den Beschäftigten neue Arbeitsverträge anbieten, die die Höhe des Jahreseinkommens und alle Sozialleistungen festschreiben.Die Einkommen unserer Mitarbeiter sollen nicht reduziert werden.Für Neueinstellungen werden aber marktübliche Bedingungen gelten.Wie diese aussehen, haben wir noch nicht diskutiert.TAGESSPIEGEL: Ist die Aufteilung der Service-Sparte Auftakt für weitere Umbauten bei SNI?STODDEN: In meinem Geschäftsbereich nicht.Parallel wird es aber im Geschäftsbereich Business Services interne Umstrukturierungen geben.

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