Wirtschaft : Siemens stärkt Medizintechnik mit Milliarden-Kauf

Übernahme der Bayer-Diagnostiksparte ist bereits die zweite teure Übernahme in nur zwei Monaten / Die Börse reagiert positiv

Maren Peters u. Corinna Visser

Berlin - Mit der zweiten milliardenschweren Übernahme in nur zwei Monaten baut Siemens-Chef Klaus Kleinfeld das Medizintechnikgeschäft des Konzerns weiter aus. „Das ist ein Wachstumsmarkt, in dem wir nun unsere Präsenz verstärken“, begründete Kleinfeld am Freitag die Übernahme des Diagnostika-Geschäfts vom Pharmakonzern Bayer für 4,2 Milliarden Euro. Die Diagnostik im Reagenzglas habe enormes Fortschrittspotenzial. „Wir wollen unsere Stärken stärken. Med ist für uns immer ein starkes Standbein gewesen.“ Unter dem Namen Med fasst der Konzern seine Medizintechnik zusammen.

Der Schering-Käufer Bayer hatte am Donnerstagabend überraschend den Verkauf seiner Diagnostiksparte bekannt gegeben. Die Sparte stellt Laborsysteme für Blut- oder Gen-Tests her, mit denen Ärzte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien oder Krebs erkennen können. Bayer erzielte damit im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro und zweistellige Margen. Die Übernahme soll Mitte 2007 abgeschlossen sein.

Auch Siemens erwirtschaftet in der Medizintechnik mit 12,5 Prozent (erstes Halbjahr des Geschäftsjahres 2005/06) die höchste Umsatzrendite. Die Sparte hat damit längst die für das Frühjahr 2007 vorgegebenen Renditeziele Kleinfelds erreicht. Erst Anfang der Woche in Berlin hatte er erneut angekündigt, in welche Richtung sich der Konzern bewegen soll: Um auf die zwei Megatrends – die Alterung der Gesellschaft und die Verstädterung – zu reagieren, werde sich Siemens künftig auf Energie, Infrastruktur und Gesundheit konzentrieren. Von anderen Bereichen trennt sich der Konzern. Mit der Umsetzung hat Kleinfeld es ziemlich eilig: Zuletzt brachte er die Netzwerksparte Com in ein Joint Venture mit Nokia ein.

Für Siemens ist der Kauf nach der angekündigten Übernahme der US-Firma Diagnostic Products für gut 1,8 Milliarden Dollar (knapp 1,5 Milliarden Euro) die zweite milliardenschwere Akquisition innerhalb von zwei Monaten und die größte seit dem Kauf von Mannesmann Atecs im Jahr 2000. Das Geschäft mit Computertomographen, Röntgen- und Ultraschallgeräten trug im vergangenen Jahr rund zehn Prozent zum Gesamtumsatz von Siemens bei. Der Konzern festigt mit den Käufen seine Position als weltweite Nummer zwei der Medizintechnik hinter General Electric und vor Philips.

Deutschland ist weltweit nach den USA und Japan der drittgrößte Markt für Medizintechnik. Auch Berlin setzt große Hoffnungen auf diese Sparte. Im Umfeld von renommierten Kliniken wie dem Deutschen Herzzentrum und der Charité haben sich rund 180 zumeist kleinere Medizintechnikfirmen angesiedelt.

Um die Übernahme der Diagnostic Products und von Bayer Diagnostics zu schultern, will Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser jetzt ein sieben Milliarden Euro schweres Finanzierungspaket schnüren. Der größte Teil werde fremdfinanziert sein. Er wolle aber nach dem Auslaufen einer Anleihe über 1,6 Milliarden Euro im Juli nicht unmittelbar wieder frische Fremdmittel beschaffen, sagte Kaeser. Die Zwischenzeit solle aus der eigenen Kasse überbrückt werden.

Die Börse reagierte positiv auf den Kauf: Die Siemens-Aktie legte bis zum Schluss 0,8 Prozent auf 68,03 Euro zu. „Die Investitionsstrategie macht prinzipiell Sinn“, sagte Analyst Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim. „Siemens ist der einzige Anbieter, der Diagnostik- und Labordiagnostik-Geräte aus einer Hand anbieten kann.“ Das bringe in Zukunft nicht nur Vorteile im Vertrieb, sondern auch die Möglichkeit, neue Produkte, eigene diagnostische Methoden zu entwickeln. „Die Idee ist gut, aber der Kaufpreis viel zu hoch“, sagte er.

Die Analysten von UBS erwarten, dass weitere Verkäufe in der Medizintechnikbranche nun wahrscheinlicher denn je sind und nennen als Beispiel auch die Diagnostiksparte von Schering. Schering-Käufer Bayer hatte vergangene Woche angekündigt, dass die Sparte auch künftig zum Kerngeschäft gehören soll.

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