Wirtschaft : Siemens sucht fieberhaft nach dem Neuanfang

Angeblich fünf Namen für Kleinfeld-Nachfolge auf der Wunschliste des Aufsichtsratsvorsitzenden / Wirtschaftssenator in Sorge

M. Döbler/C. Hardt (HB)

Berlin - Der Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) hat sich besorgt über die Entwicklungen bei Siemens gezeigt und fordert eine rasche Lösung, die nicht zulasten der Beschäftigten gehen dürfe . „Siemens muss schnellstens zu den Grundsätzen einer guten Unternehmensführung zurückfinden – Schmiergelder und die Begünstigung einer arbeitgeberfreundlichen Scheingewerkschaft gehören eindeutig nicht dazu“, sagte Wolf dem Tagesspiegel. „Wir verfolgen die Entwicklung natürlich mit großer Aufmerksamkeit, schließlich ist Siemens der größte industrielle Arbeitgeber in Berlin.“

Wolf forderte den Konzern auf, die Vorwürfe „schnellstmöglich und umfassend“ aufzuklären und Konsequenzen gegenüber den Verantwortlichen zu ziehen. „Nur so kann weiterer Imageschaden vom Unternehmen abgewendet werden. Das Versagen von Managern darf nicht zulasten der Beschäftigten gehen.“

Der Technologiekonzern, der in Berlin gegründet wurde, aber heute seinen Sitz in München hat, beschäftigt rund 14 000 Menschen in der Hauptstadt. Berlin ist trotz Personalabbaus in den vergangenen Jahren immer noch der größte Fertigungsstandort von Siemens weltweit.

Eine schnelle Lösung der Unternehmenskrise ist offenbar nicht zu erwarten. Nach dem plötzlichen Abgang des Vorstandschefs Klaus Kleinfeld in der vergangenen Woche und der verweigerten Vertragsverlängerung für zwei weitere Vorstände ist ein umfassender Umbau des Unternehmens zu erwarten. Vieles spricht dafür, dass auch die Organisationsstruktur der Konzernzentrale einer gründlichen Neuordnung unterzogen wird. Im Umfeld des Konzerns hält man es derzeit für relativ unwahrscheinlich, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme einen ausgearbeiteten Reformplan bereits erarbeitet hat. Das werde er dem künftigen Siemens-Chef überlassen, heißt es in Konzernkreisen.

Im Umfeld des Konzerns gilt Linde-Chef Wolfgang Reitzle noch immer als ernst zu nehmender Kandidat für die Nachfolge, obwohl Reitzle dies offiziell ausgeschlossen hat. Demnach hat Aufsichtsratschef Cromme, wie in solchen Verfahren üblich, eine „Short-List“ mit angeblich fünf Namen erstellt, auf der auch der ehemalige Mercedes-Chef Eckhard Cordes, 56, auftauchen soll. Eine Bestätigung dafür gab es am Wochenende nicht. Der derzeitige Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser dementierte, dass er an der Nachfolge Kleinfelds interessiert sei.

Der Gestaltungsspielraum für einen neuen Chef sei immens. „Jetzt bietet sich eine einmalige Gelegenheit, Dinge bei Siemens grundlegend zu verändern“, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Noch nie hat es einen unternehmensfremden Aufsichtsratschef gegeben, noch nie einen Vorstandschef, der sich nicht bei Siemens seine Sporen verdient hätte. Der Konzern sei viel zu komplex, als dass ein Manager von außen Erfolg an der Spitze haben könnte.

Doch halten Beobachter die Ära des „Das geht nicht“ für endgültig vorbei. Der Nachfolger Kleinfelds werde der Firma mit großer Wahrscheinlichkeit eine echte Holding-Struktur verordnen und damit den einzelnen Unternehmensteilen mehr Selbstständigkeit geben. Die zentralen Geschäftsbereiche wie Medizintechnik und Kraftwerke sind keine eigenständigen Gesellschaften, sondern Teil der Siemens AG. Eine Neuordnung müsste ihnen rechtliche Eigenständigkeit geben, so dass sie unabhängiger als heute auf dem Markt agieren können, sagen Experten. Die Konzernzentrale würde sich dann auf klassische Aufgaben wie Controlling, Strategie und Kommunikation konzentrieren. Viele der etwa 3000 Beschäftigten in der Zentrale könnten sich dann anderen Aufgaben zuwenden. „Die Neuordnung ist nicht nur eine Organisations-, sondern sicher auch eine Kostenfrage“, hieß es im Unternehmensumfeld.

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