Siemens-Vorstand Russwurm : „Es geht um Persönlichkeit“

Siemens-Vorstand Russwurm über Ausbildung, Kurzarbeit und offene Stellen.

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Siegfried Russwurm leitet seit 2008 das Personalressort im Siemens-Vorstand. Foto: promo

Herr Russwurm, die Bundesregierung beklagt in ihrem Berufsbildungsbericht die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher. Was ist Ihr Eindruck?



Wir sind in der glücklichen Situation, dass sich bei uns jedes Jahr rund 40 000 Jugendliche um eine Ausbildungsstelle bewerben. Das heißt, dass etwa 18 Bewerber auf eine Stelle kommen. Wir können uns die besten aussuchen. Und wer es bei uns bis in die Interviews schafft, ist ganz sicher ausbildungsreif.

Und der Rest fällt durch den Rost?

Nein. Wir geben auch in diesem Jahr wieder 250 benachteiligten Jugendlichen die Chance auf eine Ausbildung. Wir machen das schon das dritte Jahr in Folge und investieren dazu jährlich 30 Millionen Euro. Für uns ist das ein Ausdruck unserer sozialen Verantwortung.

Was sind das für Jugendliche?


Diese 250 Jugendlichen – davon fast 40 in Berlin – identifizieren wir typischerweise gemeinsam mit der Arbeitsagentur. Nach den Schulnoten würden sie nicht infrage kommen, aber uns geht es dabei allein um die Persönlichkeit. Manche haben auch einen familiären Hintergrund, der ihnen bestimmte Basiskompetenzen nicht vermittelt hat. In einer Stadt mit einer Demografie wie Berlin sind auch viele Jugendliche mit Migrationshintergrund dabei.

Wenn die jungen Leute so zu Ihnen drängen, ist Facharbeitermangel für Sie kein Thema, oder?


Wir haben die gute Ausbildung der Jugendlichen zu unserem Thema gemacht, deswegen mache ich mir keine Sorgen, dass wir künftig zu wenige Facharbeiter finden. Wir werden da nicht nachlassen, ebenso wenig wie bei der Ausbildung von Ingenieuren.

Wie viele offene Stellen haben Sie aktuell?


Knapp 1800, davon 1550, bei denen ein Hochschulabschluss vorausgesetzt wird. Das sind zum größten Teil hoch spezialisierte Berufe, vom Strömungsmechaniker bis hin zum Thermodynamiker. Solche Stellen sind drei oder auch mal sechs Monate unbesetzt, aber sie werden wieder besetzt.

Wie lange macht Siemens noch von der Kurzarbeit Gebrauch?


Das lässt sich schwer sagen, weil dabei viele Faktoren eine Rolle spielen. Aber die Zahlen sind zuletzt stetig gesunken. Aktuell haben wir rund 4000 Beschäftigte in Kurzarbeit, vor allem bei Geschäften, die im Bereich des Maschinenbaus tätig sind, sowie bei industriellen Dienstleistungen. In der Spitze hatten wir 19 000 Kurzarbeiter. Bei Osram haben wir aktuell keine Kurzarbeit mehr. Überhaupt ist die Größenordnung bei insgesamt rund 128 000 Beschäftigten überschaubar.

In Frankreich haben Arbeiter Siemens-Manager in Geiselhaft genommen, um einen Standort zu erhalten. Wie kommen Sie aus dieser Konfrontation wieder heraus?


Die Personalleiterin und der kaufmännischer Geschäftsführer haben eine Nacht auf dem Werksgelände verbracht. Von einer Geiselnahme möchten wir nicht sprechen. Es gab keine Androhung körperlicher Gewalt. Die beiden haben sich vielmehr freiwillig entschieden, dass sie lieber auf dem Gelände bleiben. Verglichen mit den Zuständen in anderen Firmen ist es bei unserer Tochterfirma in Frankreich sehr kultiviert zugegangen. Auch der europäische Betriebsrat hat zur Deeskalation beigetragen. Inzwischen haben wir eine Lösung gefunden, mit der auch die Arbeitnehmervertreter leben können.

Wie sieht die aus?


Wir sind nicht davon abgewichen, dass wir die beiden französischen Standorte zu einem zusammenlegen. Wenn man die Diskussion über das Ob abgeschlossen hat, steigt man in die Diskussion über das Wie ein. Wir haben uns auf die Anzahl der zu erhaltenden Arbeitsplätze und einen angemessenen Nachteilsausgleich geeinigt.

Das Gespräch führte Moritz Döbler.

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