Wirtschaft : Siemens warnt vor seinen neuen Handys

Softwarefehler kann Hörschäden verursachen. Auch Kunden anderer Hersteller müssen sich auf Fehler bei Mobiltelefonen einstellen

Corinna Visser

Berlin – Das Problem ist eigentlich eine Petitesse – kann für Siemens aber sehr teuer werden. Der Elektronikkonzern warnt seine Kunden vor einem Softwarefehler in seiner neuen Handybaureihe. Kunden könnten wegen der Fehlfunktion einen Hörschaden erleiden. Netzbetreiber und einige Händler haben die neuen Handys aus dem Regal genommen und den Verkauf vorerst gestoppt. Teure Rückrufaktionen, die in der Automobilbranche längst zur traurigen Gewohnheit geworden sind, werden auch in der Mobilfunkbranche in Zukunft immer häufiger passieren, sagen Experten.

Denn aus Handys sind längst kleine Taschencomputer geworden, die man nicht nur zum Telefonieren, sondern auch zum Spielen, Fotografieren oder zum Surfen im mobilen Internet einsetzen kann. „Je mehr Funktionen ein Gerät beherrscht, desto komplexer wird die Software und desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Fehler in der Programmierung einschleicht“, sagt Wolfgang Pauler, Handytechnikexperte des Verbraucherportals Xonio im Internet. „In Zukunft werden die Unternehmen immer häufiger mit diesem Problem zu kämpfen haben.“

Rund 20 Millionen Handys wurden in Deutschland im vergangenen Jahr verkauft. Und etwa zwei bis drei Millionen Handys wandern jährlich in die Werkstätten, sagt ein Branchenkenner. Häufigste Fehlerursache ist längst die Software geworden, die etwa ein Drittel der Reparaturfälle ausmacht. Davon ist kein Hersteller ausgenommen. In punkto technischer Zuverlässigkeit genossen Siemens-Geräte bisher sogar einen guten Ruf. Im aktuellen Pannenreport der Fachzeitschrift Connect, an dem sich mehr als 13000 Leser beteiligt haben, lag Siemens bei der Reparaturanfälligkeit mit 17 Prozent unter dem Schnitt von 18,5 Prozent, Marktführer Nokia mit 20 Prozent deutlich darüber. Am anfälligsten für Reparaturen sind nach Meinung der Connect-Leser Handys des Herstellers NEC (26 Prozent).

Neben der immer höheren Zahl an Funktionen, die in ein Handy eingebaut werden, identifiziert Pauler auch den hohen Zeitdruck unter dem neue Geräte auf den Markt gebracht werden, als weitere Fehlerursache. Dabei müssen neue Geräte nicht nur bei den Herstellern selbst umfangreiche Qualitätstest durchlaufen. „Die deutschen Netzbetreiber testen die Geräte besonders intensiv, deshalb kommen sie hier zu Lande häufig später auf den Markt als im Ausland“, sagt Pauler. Doch mit zunehmender Komplexität wird auch der Aufwand höher, der für die Fehlersuche betrieben werden muss. Kunden, die sich nicht mit Softwarefehlern herumärgern wollen, rät Pauler, „lieber zwei bis drei Monate abwarten, als sofort das allerneueste Gerät zu kaufen“.

Im aktuellen Fall hat Siemens den Fehler selbst entdeckt. Ein Siemens-Sprecher wehrte sich dabei gegen den Vorwurf, dass die Handyhersteller ähnlich wie die Automobilkonzerne immer häufiger noch mit Fehlern behaftete Produkte auf den Markt bringen. „Da wo die Automobilindustrie steht, da wollen wir nicht hin“, sagte er. Inzwischen gibt es bereits eine fehlerfreie Software.

Wie viele Geräte betroffen sind, wie hoch die Kosten für die Schadensbehebung sein werden – darüber macht Siemens keine Angaben. Etwa 500000 Geräte werde Siemens im laufenden Quartal nicht verkaufen können, schätzt Analyst Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von etwas unter 100 Euro – das ist der durchschnittliche Preis den Netzbetreiber wie T-Mobile oder Vodafone für Siemensgeräte bezahlen – mache das einen Umsatzverlust von rund 50 Millionen Euro im laufenden Quartal aus, schätzt Rothauge. Unterm Strich werde Siemens das Handygeschäft im betroffenen Quartal damit nicht wie erhofft positiv abschließen, sondern müsse mit einem Verlust von 20 Millionen Euro rechnen.

Bis zum Weihnachtsgeschäft werde der Fehler vergessen sein, sagt Rothauge. Dass die Netzbetreiber, wegen des vergleichsweise kleinen Fehlers die Geräte gleich aus dem Regal genommen haben, sei übertrieben. Die Netzbetreiber könnten die Panne aber dazu nutzen, bei Siemens Druck auf die Preise zu machen, glaubt der Analyst.

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