Wirtschaft : Siemens will Milliardenerlöse realisieren

MÜNCHEN (cbu/jod/HB). Heinrich von Pierer ist die Zufriedenheit anzumerken. "Es läuft gut", sagte der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Konzerns im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Umstrukturierung komme voran, was auch die Börse endlich honoriere, freute sich der lange von Analysten und Medien gescholtene von Pierer. In der Tat befindet sich die Siemens-Aktie schon seit Wochen im Steigflug: Gestern lag das Papier bei knapp unter 80 Euro und damit auf einem Höchststand. Eine Großzahl von Analysten empfiehlt das Papier mittlerweile zu Kauf.Siemens darf angesichts der geplanten Börsengänge von Infineon (Halbleiter) und Epcos (Passive Bauelemente) sowie der Verkäufe von weiteren Unternehmensteilen auf Erlöse in Milliardenhöhe hoffen. Konkrete Entscheidungen zu den Börsengängen, die im vierten Quartal dieses Jahres oder im ersten Vierteljahr 2000 erfolgen sollen, seien in den kommenden Wochen zu erwarten, hieß es. Über die Höhe der möglichen Erlöse wollte von Pierer keine Angaben machen. "Da wird ein ansehnlicher Betrag in die Kassen kommen, der Siemens allerdings in mehreren Schritten zufließen wird", meinte er lediglich. Die zufließenden Mittel könnten unter anderem als Kriegskasse für weitere Akquisitionen genutzt werden. Dabei denkt Konzernchef von Pierer insbesondere an den Bereich Netze, in dem unter anderem die Mobilfunk-Netztechnologie und die Öffentliche Vermittlung zusammengefaßt sind. Hier seien Zukäufe denkbar. "Unser Blick geht dabei natürlich in die USA", sagte von Pierer. Siemens wolle außerdem seine Position als Integrationspartner der weltweiten Telekommunikationsindustrie weiter ausbauen.Dem Zusammenwachsen von Daten- und Sprachkommunikation und damit der Internettechnik gelte das besondere Augenmerk. Hier habe Siemens zwar schon Akquisitionen von kleineren US-Unternehmen im Wert von über einer Mrd. DM getätigt und eine eigene US-Gesellschaft mit dem Namen Unisphere Solutions gegründet. "Auf diesem Gebiet sind wir aber noch nicht am Ende unser Tage", meinte von Pierer. Gelegenheiten zu Akquisitionen würden intensiv geprüft. Großübernahmen zu überhöhten Preisen schloß von Pierer aber erneut aus. Er kündigte an, daß es in den USA für Mitarbeiter der neuerworbenen High-tech-Unternehmen großzügigere Aktien-Beteiligungsprogramme geben werde als etwa in Deutschland.Der erwartete Kapitalzufluß soll darüber hinaus auch für einen Aktienrückkauf verwendet werden, berichtete von Pierer weiter. Die genauen Modalitäten dafür stünden aber noch nicht fest. Eine Sonderausschüttung an die Aktionäre sei aus heutiger Sicht nicht vorgesehen, diese würden über steigende Kurse aber von einem Aktienrückkauf profitieren. Zudem sei daran gedacht, den Schuldenstand zu reduzieren. Bei welchem Kurs die Siemens-Aktie auch als Akquisitionswährung verwendet werden könnte, ließ von Pierer offen. Die Gespräche mit institutionellen Investoren und Analysten, die von Pierer erst seit einem Jahr regelmäßig führt, seien sehr fruchtbar, sagte der Konzernchef in diesem Zusammenhang: "Ich habe das Gefühl, ich komme mit denen gut zurecht."Die neue Struktur des Konzerns sei jetzt grundsätzlich dauerhaft, so von Pierer weiter. "Der Siemens-Konzern wird in fünf Jahren auf den sechs Arbeitsgebieten tätig sein, auf denen er heute tätig ist", betonte der Konzern-Chef. Das Unternehmen sei aber "ein lebender Organismus". Deshalb würde auch künftig die eine oder andere Aktivität in eine Kooperation überführt, verkaufe oder im schlimmsten Fall geschlossen. "Externe Abrundungen" seien immer denkbar. Festhalten werde Siemens an der "Ertragsperle" Osram und an BSH, obwohl das Unternehmen nach dem Expansionskurs derzeit einen "Durchhänger" habe.Sehr zufrieden äußerte sich von Pierer über die gerade geschlossenen Computerallianz mit dem japanischen Fujitsu-Konzern. Dies sei ein "wohlüberlegter und glücklicher Schachzug" gewesen. Alleine hätte Siemens den Angriff auf die Weltmärkte nicht geschafft. "Dies wäre ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang gewesen", so von Pierer. Zusammen mit Fujitsu könne man jetzt aber weltweit agieren.Dabei räumte er ein, daß das 50:50-Joint-venture in den USA noch zu schwach vertreten sei. Hier wolle man das Geschäft künftig ausbauen. Vehement sprach sich von Pierer gegen immer wieder laut werdende Forderungen aus, Siemens zu einer Holding zu machen, unter der die einzelnen Bereiche eigenständig agieren könnten. "Wir haben im Grunde schon eine virtuelle Holding", meinte der Konzern-Chef.

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