Wirtschaft : Siemens wird amerikanisch Der Münchner Konzern rüstet Disney aus –

und lässt sich von Mickey Mouse beraten.

Thomas Jahn (HB)

Los Angeles - Disney-Chef Bob Iger hält ein Übersprungkabel in der Hand. Die rote Klemme steckt er in eine Autobatterie. Funken sprühen, Motoren heulen auf – „Cars Land ist eröffnet“, sagt Iger und ein Feuerwerk bricht los, Konfetti fliegt, Tänzer schwenken die Arme.

Vor wenigen Tagen feierten hunderte geladene Gäste die neue Attraktion in Disney California Adventure Park in Los Angeles. Dort baute Disney für 1,1 Milliarden Dollar Radiator Springs, die Stadt vom Rennauto Lightning McQueen und Abschleppwagen Mater, die Helden des Kinoknüllers Cars. Was die meisten Besucher nicht wissen: Alle Elektrik, Motoren und Steuerungssysteme von den Karussells oder Neonzeichen sind von Siemens.

Für den deutschen Konzern ist es ein kultureller Durchbruch, denn bislang arbeitete Disney mit dem amerikanischen Anbieter Rockwell zusammen. Die US-Industriesparte Siemens wächst überdurchschnittlich, im Geschäftsjahr 2012 allein ging der Umsatz um zehn Prozent auf 7,3 Milliarden Euro hoch. „Die Geschäfte gehen gut“, sagt Helmuth Ludwig, Chef von Siemens Industry in den USA.

Was ebenfalls wenige wissen: Disney besitzt mit dem Disney Institute eine Unternehmensberatung. Der weltgrößte Medienkonzern berät auch Siemens in Sachen Kundenbetreuung, etwa bei Krankenhäusern, die für Siemens beim Verkauf von Medizingeräten wichtige Kunden sind. „Der Patient ist auch ein Gast“, sagt Tom Haas, Marketingchef von Siemens in den USA, „und Disney weiß am besten, wie man einen Gast willkommen heißt“.

So entwickelte Siemens mit Disney ein Hörgerät für Kinder, das in einer Mickey- Mouse-Tasche steckt. Die Gebrauchsanweisung ist das Kinderbuch „Three Cheers for Bunny’s Ears“ – dreimal Hurra für die Hasenohren. Das hilft jungen Patienten, sich mit dem Gerät anzufreunden. Ähnliche Angebote gibt es für Allergie-Diagnose und andere Kindermedizingeräte.

Doch auch Erwachsene werden angesprochen. Zusammen mit der Disney- Tochter Marvel und seinen Superhelden startet Siemens im Sommer die Kampagne „Unsung Heroes“ oder unbeachtete Helden. Mit Captain America oder Hulk erklärt man US-Soldaten, warum sie nach Kriegseinsätzen vom US-Militär mit Siemens-Geräten auf Drogenkonsum untersucht werden.

Für Siemens besitzt Disney ein beträchtliches Potenzial, Technik zu verkaufen. Der kalifornische Konzern mag für Mickey Mouse und Kinofilme berühmt sein, machte aber im Geschäftsjahr 2011 mit Kreuzfahrtschiffen, Urlaubsresorts und Vergnügungsparks knapp ein Drittel seines gesamten Umsatzes von 40,9 Milliarden Dollar. Der für Disney zweitgrößte Geschäftsbereich wird ausgebaut, so arbeitet man am neuen Disneypark in Schanghai – mit Siemens. „Siemens ist einer unser Schlüsselpartner“, sagt Michael Cohen, bei Disney als Vizepräsident zuständig für Unternehmensallianzen.

Die Kooperation fing vor mehr als sieben Jahren an. Damals kam Disney auf Siemens zu, man suchte einen globalen Technologiepartner. Siemens baute für Disney in Los Angeles 2009 die Midway Mania, eine Reihe von High- Tech-Kirmesbuden mit den Helden vom Zeichentrickfilm Toy Story.

Disney war begeistert und beauftragte Siemens mit der technischen Entwicklung von Cars Land. Dort können Besucher im Radiator Springs Racer ein Wettrennen fahren oder sich mit dem sprechenden Lightning McQueen fotografieren lassen. „Das Projekt ist sehr komplex und Siemens trug entscheidend zum Erfolg bei“, sagt seine Kollegin Kathy Mangum.

Genaue Zahlen will man nicht nennen, aber laut Siemens-Insidern bewegt sich der Gesamtumsatz des Kooperationsvertrags mit Disney im Rahmen von deutlich mehr als 100 Millionen Dollar. Wichtiger ist aber: Siemens etabliert sich mit Disney als amerikanisches Unternehmen. Mit 14,8 Milliarden Euro setzt Siemens 2011 so viel Geld in den USA um wie sonst nur noch in Deutschland. Dabei profitiert der Konzern in der Industriesparte von der Renaissance der verarbeitenden Industrie in den USA. Thomas Jahn (HB)

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