Wirtschaft : Sigrid Päßler

(Geb. 1913)||Alles lässt sich ertragen. Man muss sich nur aufs Schöne konzentrieren.

Veronika de Haas

Alles lässt sich ertragen. Man muss sich nur aufs Schöne konzentrieren. Eine elegante Dame, die da im Sommer 2000 durch die Reichsstraße lief: das weiße Haar ordentlich gelockt, darüber stolz der schicke Hut, kleine Perlen an den Ohren, das Kostüm – perfekt. Frau Päßler hatte schon immer eine Vorliebe für alles Schöne: elegantes Geschmeide, gutes Essen. Sie war mit diesen Dingen aufgewachsen, in einer Dresdener Villa mit siebzehn Zimmern. Nach dem Krieg war alles weg, der Schmuck, den man im Wald vergraben hatte, geklaut. Doch jammern gehörte sich nicht. „Reiß dich zusammen, Kind!“, hatte die Mutter immer gesagt.

Und der Vater hatte ergänzt: „Hab’ Fröhlichkeit im Herzen!“ So wurde aus Sigrid Päßler eine Frau, die sich heiteren Gemüts durchs Leben bewegte. Sie erlernte das Buchdruckhandwerk in der Firma des Vaters, arbeitete als Werbefachfrau in der Neuköllner Ölmühle ihres Bruders und zuletzt als Fremdsprachensekretärin an der Freien Universität.

Sie wollte gerne Kinder haben, ihr Lebensgefährte nicht. Sie trug es mit Contenance. Später wurde er schwer krank, sie pflegte ihn über Jahre, bis er starb. Nach 40 Jahren Zusammensein, wenn auch ohne Trauschein, war Frau Päßler plötzlich allein. Manchmal war es dann wirklich schwer mit der Fröhlichkeit im Herzen. Die schöne Wohnung am Halensee half. Eine grüne Gegend, das war wichtig. Denn was gab es Herrlicheres als die Natur? Auf dem Balkon hatte sie sich einen kleinen Garten eingerichtet. Sie liebte ihre Alpenveilchen und die vielen anderen Blumen, die sie alle beim lateinischen Namen kannte. Und wenn Wildgänse in Richtung Osten vorbeiflogen, rief sie die Nichte an und sagte Bescheid.

Jetzt lief sie die Reichsstraße entlang – und stürzte. Mit einem Schienbeinbruch kam sie ins Krankenhaus und anschließend ins Pflegeheim. Zuerst musste sie sich das Zimmer teilen. Und überhaupt, sie musste anderen Leuten zur Last fallen. Das passte Sigrid Päßler gar nicht. Älter werden war wirklich gar nicht vornehm. Aber es half alles nichts. Das Leben hatte es vorgegeben. Nur nicht die Laune verderben lassen.

In ihre geliebte Wohnung ließ sie sich noch manchmal fahren. „Ich geh’ mich selbst besuchen“, sagte sie dann fröhlich. Irgendwann wurde die Wohnung endgültig aufgelöst. Sie musste nun im Rollstuhl sitzen. Aber immerhin gab es im Seniorenheim einen Friseur, und zur Maniküre konnte sie auch gehen. Der Brillantring der Großmutter funkelte wie eh und je an ihrer Hand. Alles ließ sich ertragen, wenn man sich auf die schönen Dinge konzentrierte.

Schön war zum Beispiel auch ihr Zimmer im Seniorenheim. Die Sonne schien hell herein, vor dem Fenster standen Bäume. Dass die zum angrenzenden Friedhof gehörten, bemerkte Frau Päßler anfangs gar nicht.

Sie war inzwischen über 90 und musste drei Mal in der Woche zur Dialyse. Das Schienbein, das sie sich abermals gestoßen hatte, wollte nicht verheilen. Klaglos nahm sie die Strapazen hin. Irgendwann sagten die Ärzte, die Dialyse hätte keinen Zweck mehr.

Sigrid Päßler schien selbst am Sterben nichts Schlechtes zu finden. Die Nichte, wenn sie sich über die Tante auf dem Sterbebett beugte, erblickte ein weises, tiefgründiges Lächeln in ihren Augen.

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