Wirtschaft : Silicon Valley: Schlechte Zeiten für IT-Spezialisten

Rita Neubauer

Der Kampf um die H-1B-Visen, mit denen ausländische Computerspezialisten in den USA beschäftigt werden können, wurde vergangenes Jahr mit besonderer Härte ausgefochten. Die IT-Industrie malte solch düstere Szenarien aus, dass die Quote schliesslich von 115 000 auf 195 000 angehoben wurde. Und selbst das schien den Firmen im Silicon Valley zu wenig, die von über einer halben Million offener Stellen für dieses Jahr ausgingen.

Offene Stellen gibt es zwar weiterhin, ansonsten hat sich die Lage auf dem Markt jedoch dramatisch verändert. Sechs Monate, nachdem der US-Kongress die Quote erhöht hat, ist der Ruf nach ausländischen Programmierern fast gänzlich verstummt. Berichte in nordamerikanischen Zeitungen sprechen sogar von einer zunehmenden Zahl unterbeschäftigter oder gar arbeitsloser Computerspezialisten.

Der Grund ist die Krise der New Economy, die bislang schon über 60 000 Menschen den Job kostete. Wurden anfänglich nur Marketingleute sowie Beschäftigte aus Verkaufs- und Verwaltungsabteilungen gefeuert, so brechen nun auch für Software-Ingenieure und Web-Designer harte Zeiten an. Verschwunden sind die Schilder an den Toreinfahrten von Sun Microsystems, Cisco oder Intel, auf denen Personalchefs händeringend lukrative Jobs anboten und die dicken Gehälter für freischaffende Computerspezialisten. Auch der Bonus in Form von Aktienoptionen, mit denen Startup-Firmen die Mitarbeiter bei der Stange hielten, ist Vergangenheit.

All das trifft nicht nur die einheimischen Fachkräfte wie Kevin Doyle hart, der als freier Programmierer seinen Stundenlohn einst auf über 100 Dollar anwachsen sah. "Mann, das waren gute Zeiten", sagt er und ist derzeit froh, wenn er 75 Dollar bekommt.

In der Bredouille befinden sich vor allem die IT-Spezialisten, die mit einem Visum für bis zu sechs Jahre aus Indien, China oder den Philippinen im Silicon Valley anheuerten. Derzeit arbeiten rund 420 000 Männer und Frauen mit einem H-1B-Visum in den USA, die Hälfte sind Computerspezialisten.

Johnny Cheng kam vor wenigen Wochen aus China ins Tal "meiner Träume". Doch die Illusionen, im Silicon Valley das ganz große Geld zu verdienen , waren schnell zerstört. Statt 5000 Dollar monatlich erhält er gerade einmal 1000 Dollar als eine Art Unterstützungshilfe von seiner Firma, deren Namen er für sich behalten will. Der Grund: die Firma, die ausländische Zeitarbeiter ausleiht, konnte noch kein Projekt für ihn finden.

Über kurz oder lang werden ihm zwei Möglichkeiten bleiben: Entweder er kündigt und sucht auf eigene Faust nach einem Job, muss dann aber mit ein paar tausend Dollar Strafe rechnen, oder er kehrt in die alte Heimat zurück. Eine Alternative, für die sich bereits einige seiner Kollegen entschieden haben. "Mit 1000 Dollar kann man hier nicht leben und je länger ich nur herumsitze, desto schlechter sind meine Aussichten."

Cheng hat noch Glück im Unglück, da seine Firma sich um Arbeit für ihn bemüht. Wer als Ausländer das Pech hat, den Job ganz zu verlieren, hat gerade zehn Tage Zeit eine andere Arbeit zu finden oder riskiert die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung.

Betroffen sind vor allem Neuankömmlinge und diejenigen, die zwar einen guten Abschluss einer ausländischen Universität haben aber noch unerfahren oder sich noch nicht spezialisiert haben. Denn hochqualifizierte Leute werden, so ist bei Cisco zu hören, weiterhin gesucht. Cisco selbst kündigte kürzlich an, dass 2500 bis 3000 Mitarbeiter mit Zeitvertrag entlassen werden müssten, darunter auch einige mit H-1B-Visum.

Dass es selbst für hochbezahlte Fachkräfte schwieriger geworden ist, zeigt auch ein Blick auf die Webseiten der Online-Arbeitsvermittler wie Monster.com und Hotjobs. Hatte Monster.com, die populärste Website, vergangenen Februar in der Kategorie "Computer und Software" noch über 55 000 Angebote registriert, so waren es im Februar 2001 nur knapp 30 000.

Die einzigen die sich darüber freuen können, sind die Personalchefs und Headhunter. "Es ist etwas einfacher geworden, gute Leute zu finden", meint Jobvermittler Max Shapiro. "Und die müssen auch keine Angst haben, plötzlich auf der Strasse zu stehen."

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