• Simbabwe: Durch Inflation und Misswirtschaft droht der Kollaps - Bevölkerung wählt dennoch den Weg der Staatswirtschaft

Wirtschaft : Simbabwe: Durch Inflation und Misswirtschaft droht der Kollaps - Bevölkerung wählt dennoch den Weg der Staatswirtschaft

Wolfgang Drechsler

"Sorry, No Petrol" steht auf den Schildern vor den Tankstellen im Zentrum von Harare. Ein paar Kilometer weiter findet sich dann aber doch eine Zapfsäule, die noch Benzin hat. Zehn Liter pro Auto sind erlaubt. Die Tankstelle bestimmt selbst, wieviel Treibstoff ein Kunde erhält. Einige sind extrem knausrig, andere hingegen sogar bereit, neben dem Tank auch gleich noch ein paar Ersatzkanister zu füllen.

Ein Mann mit guten Kontakten ist Ellias Ngugama. Auf seinem Pritschenwagen steht ein Tank mit über 1000 Liter Diesel. Ngugama braucht den Treibstoff auf seiner Farm im Süden der simbabwischen Hauptstadt, wo seine Ernte sonst verrottet. "Ohne Diesel kann der Traktor nicht fahren, und wenn der nicht läuft, können wir keinen Tabak ernten. Ohne Tabak - keine Dollar. Aber genau die braucht Simbabwe, um Benzin zu importieren."

Dennoch waren die Schlangen an den Tankstellen selbst vor der wichtigen Parlamentswahl vom Wochenende wieder einmal länger als seit langem. Beobachter sehen darin ein weiteres Indiz, dass sich die Machthabenden nicht im geringsten um den Zustand der Wirtschaft kümmern. Sie haben inzwischen alle ökonomische Vernunft dem Streben um ihr politisches Überleben untergeordnet.

Die Folgen dieser Politik sind unübersehbar: Simbabwes Wirtschaft steht kurz vor dem Kollaps. Der Benzinmangel lähmt nicht nur Handel und Industrie sondern auch Bergbau und Tourismus, dem nach dem Farmsektor zweitgrößten Wirtschaftszweig des Landes. Seit die Farmbesetzungen im März begannen, ist der Fremdenverkehr um 70 Prozent zurückgegangen und dürfte sich nach Aussagen der Veranstalter selbst im besten Fall kaum vor Beginn des nächsten Jahres erholen. Selbst in den Touristenhochburgen an den Victoria-Fällen und Wildparks sind höchstens 20 Prozent der Betten belegt. Auch in anderen Bereichen ist das Bild düster: Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei über 50 Prozent, die Inflation bei 60 Prozent. Daneben hat das Land seine Devisenreserven verbraucht. Um einen Absturz der Währung und eine neue Preisspirale zu verhindern, hat die Regierung den Wechselkurs seit 18 Monaten bei 38 Simbabwe-Dollar zum US-Dollar eingefroren. Dazu hat das Haushaltsdefizit ein solches Ausmaß erreicht, dass Simbabwe heute fast zwei Drittel seiner Einnahmen für Zinszahlungen verwendet. Besserung ist nicht in Sicht: Experten prophezeien bereits jetzt wegen der geringen Aussaat an Winterweizen gravierende Engpässe in der Brotversorgung für das Jahresende.

Umso überraschender mutet es an, dass einige Geschäftsleute nach der Wahl eine rasche Rückkehr des Landes zur Normalität erwarten. Gleichwohl wird dieser Optimismus von den allerwenigsten der rund 70 000 Weißen geteilt, die noch im Lande sind, aber größtenteils auf gepackten Koffern sitzen. Auch Wirtschaftsexperten und Diplomaten sind mehrheitlich davon überzeugt, dass der afrikanische Binnenstaat selbst bei einer radikalen Kehrtwende sowohl wirtschaftlich als auch politisch auf Jahre kaum Aussicht auf Besserung hat. Mugabe habe die Wirtschaft in Rekordzeit gezielt zerstört und dem Land nachhaltig geschadet, heißt es. Gegenwärtig deutet vieles darauf hin, dass dem früheren Rhodesien durch die von Mugabe betriebene Zerstörung des hochproduktiven Farmsektors dasselbe Schicksal wie vielen anderen Staaten in Schwarzafrika droht. Staatlicher Dirigismus steht auf der Tagesordnung. Wirtschaftsfachmann John Robertson sagt, Simbabwe habe offenbar nichts aus den Fehlern dieser Länder gelernt. So hat sein Nachbar Sambia fast 30 Jahre gebraucht, um sich von der Verstaatlichung seiner lebenswichtigen Kupferindustrie in den frühen siebziger Jahren zu erholen.

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