Sing-Star : Was Firmen mit einer Hymne wollen

Motivationssongs sollen Mitarbeiter für ihr Unternehmen begeistern. Das kann peinlich sein – und manchmal auch schaden.

von
Schön. Die Sängerinnen von Appassionante standen für den letzten Firmensong („Wings“) von Air Berlin auf der Bühne.
Schön. Die Sängerinnen von Appassionante standen für den letzten Firmensong („Wings“) von Air Berlin auf der Bühne.Foto: dpa

Sie werden es nicht mehr los. „Flugzeuge im Bauch / im Blut Kerosin / kein Sturm hält sie auf / uns’re Air Berlin“, singt die Blondine im Takt der wummernden Dancefloor-Musik. Unternehmenssprecherin Melanie Schyja kennt das Video, das das Unternehmen 2006 mit großem Aufwand auf dem Nürnberger Flughafen drehen ließ. „Aber das Lied haben wir schon seit Jahren abgeschafft.“ Stattdessen verweist sie auf den weniger populären Nachfolger. „Es schmeichelt uns natürlich, dass der Kerosin-Song den Kunden in nachhaltiger Erinnerung geblieben ist.“

Zufrieden sind sie damit bei der Airline aber nicht. Schließlich sei das lange her, das Unternehmen habe sich verändert. Inzwischen ist die Berliner Fluggesellschaft die zweitgrößte Deutschlands – und so will man auch öffentlich wahrgenommen werden. Da passt das alte Bumm-Bumm-Video aus dem Internet, das ebenso einen ausgelassenen Party-Abend in einer mallorquiner Großdisko zeigen könnte, nicht wirklich.

Selbst schuld, sagt Rudi Maier. „Wenn der Mythos einmal geschaffen ist, wird es schwer ihn wieder loszuwerden.“ Maier ist Kulturwissenschaftler und beschäftigt sich mit Corporate Songs, also Liedern, die den Ruf eines Unternehmens nach außen prägen oder die Motivation der Mitarbeiter hochhalten sollen. In der Regel gibt es Lieder, die entweder ausschließlich für den einen oder den anderen Zweck komponiert werden. Ein Grund für die unerwünscht lange Halbwertzeit des Kerosin-Songs sei, dass er als Marketinginstrument nach innen wie nach außen massiv eingesetzt worden sei, erläutert Maier. „So etwas ist dann nur schwer wieder einzufangen.“

Die Tradition der Unternehmenssongs ist hierzulande noch recht jung. Vor dem Zweiten Weltkrieg sangen die Beschäftigten noch selbst – die klassischen Arbeiterlieder. In der Nachkriegszeit gab es – zumindest in Westdeutschland – die soziale Marktwirtschaft mit Tarifpartnern, die relativ ordentlich miteinander umgingen. Zusätzliche Motivation war selten notwendig. Und gemeinsames Singen in großen Runden war wegen der Erfahrungen der Nazizeit verpönt.

In den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten sei jedoch das Klima in den Unternehmen rauer geworden, sagt Maier. In den USA, Mutterland des Kapitalismus, gab es bereits in den 20er Jahren ein Liederbuch mit „Songs of the IBM“ mit bekannten Melodien und Texten, die die Vertreter des Büromaschinenherstellers bei Laune halten sollten. Im Zuge der Globalisierung habe sich die Hire-and-Fire-Mentalität auch in Europa mehr und mehr verbreitet. Mit der Folge, dass die Mitarbeiter unzufriedener sind, den Arbeitsplatz häufiger wechseln müssen oder bei internationalen Konzernen mit ihnen fremder Kultur anheuern. All das sind Motive für die Führungsetagen, Ziele und Unternehmenskultur in ein Lied zu kleiden und es den Untergebenen in der Warteschleife am Telefon oder auf Firmenfeiern immer wieder vorzududeln.

Maier hält wenig von Motivationssongs als sogenanntem Management-Tool. „Es gibt Unternehmen, in denen das Klima stimmt, in denen die Leute sich wohlfühlen und anständig bezahlt werden. Die brauchen eigentlich kein Lied“. Und dann gebe es Unternehmen, in denen das alles nicht funktioniere. „Da ändern Sie auch mit einem Lied nichts. Das sorgt höchstens für Häme und Lästereien unter den Mitarbeitern.“

Das sieht Ernst Primosch, Chef der Kommunikationsagentur Hill+Knowlton in Frankfurt am Main, anders. Gut zehn Jahre arbeitete er in hohen Managementpositionen für den Chemie- und Waschmittelkonzern Henkel und entwickelte den Unternehmenssong „We together“ mit. Zwar sieht auch er die Gefahr, dass ein schlechtes Firmenlied bestenfalls unfreiwillig komisch wirkt und schlimmstenfalls sogar dem Klima im Unternehmen schaden kann. So wie im Fall von Kaufland, wo den Angestellten in den Supermärkten mehrmals täglich Textzeilen wie „Mein Chef steht zu mir / weil ich bin, wie ich bin“ in den Ohren klangen. Die Kette gehört zur Schwarz-Gruppe – wie Lidl, wo Mitarbeiter bespitzelt wurden.

Das Lied verschwand. Dennoch sagt Primosch: „Musik ist eines der wichtigsten Instrumente in der Kommunikation, und wir wären dumm, es nicht zu nutzen.“ Zu einem gelungenen Song gehört seiner Ansicht nach mehr als ein Text, der Kraft, Stärke und Teamgeist transportiert. „Der Henkel-Song entsprach zunächst einmal der deutschen Mentalität. Für die chinesische, mexikanische, türkische oder jede andere Variante haben wir ihn angepasst.“

Damit das gelingt, gibt es Menschen wie Stefan Ladage, der mit seiner Musikagentur Firmen berät, Songs textet, Sänger bucht und mit einem mobilen Tonstudio vorbeikommt, um auch die Belegschaft in einen Videodreh mit einzubinden. Bei einem Großauftrag wie von Air Berlin kann das schon bis zu 15 000 Euro kosten. Die Nachfrage ist hoch. Demnächst will die Agentur sich an Kunden aus dem Rest Europas herantrauen.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben