Smart Cities : Smart macht mobil

Unter der „intelligenten Stadt“ versteht jeder etwas anderes. Das Thema ist komplex – und die Lösungsansätze so vielfältig wie die regionalen Herausforderungen.

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Zukunftsmusik. Noch ist der Flughafen Tegel in Betrieb. Doch wenn er erst einmal zugunsten des neuen Flughafens geschlossen wird, eröffnet sich der Stadt hier mit einer Fläche von 490 Hektar ein neues Potenzial für eine zukunftsorientierte Nutzung zum Forschungs- und Industriepark für urbane Techniken.
Zukunftsmusik. Noch ist der Flughafen Tegel in Betrieb. Doch wenn er erst einmal zugunsten des neuen Flughafens geschlossen wird,...Foto: Schiebel

Wenn der Metakongress Metropolitan Solutions das Thema „Smart City“ diskutiert, so kann zunächst als sicher gelten, dass die Teilnehmer nicht mit einer Zunge reden. Denn unter Smart City, „intelligente Stadt“, versteht jeder etwas anderes. Die einen sprechen von der grünen, ökologischen Stadt, die anderen von der computerisierten Stadt, in der sich alles mit dem Smartphone regeln lässt, die Dritten von der optimal vernetzten Stadt, in der es keine Verkehrsstaus mehr gibt, die Vierten von intelligentem Stadtmanagement, das selbst 35-Millionen-Megastädte in den Griff bekommt.

Das Thema ist so komplex, dass es das gesamte menschliche Dasein umfasst. Hinzu kommt die Verschiedenartigkeit der betroffenen Städte. Hier die „mitteleuropäische Stadt“, eingespielt, zentral organisiert, mit stagnierender Bevölkerungszahl, dort die explodierenden Megastädte der Dritten Welt, polyzentrisch und ständig in Umwälzungen begriffen.

Hier die Kleinstadt im Schwarzwald, die es mit Solar- und Windkraft, Biogas und Holzpelletkraftwerk zur energetischen Selbstversorgung gebracht hat. Dort eine das Umland aussaugende Multimillionenstadt wie Lagos, das „selbstorganisierende Chaos“, wie es Rem Koolhaas bewundernd, doch allzu euphemistisch genannt hat. Was der niederländische Stararchitekt als Zukunftsvision und Lösungsansatz für Megastädte pries, mag irgendwie funktionieren, doch auf einem menschenunwürdigen, vorindustriellen Niveau. Jeder Ameisenstaat bietet seinen Individuen bessere Lebensumstände.

In China werden die ersten Trabantenstädte wieder baufällig

Smart City ist also ein Projekt, das in allen Teilen der Welt anders aussieht. Eine Wundertüte, in der jeder etwas anderes findet. In Städten wie London, Paris oder Berlin geht es darum, die bestehenden Systeme zu optimieren und einzelne gegebenenfalls zu ersetzen. Hauptansatzpunkt: der Verkehr. Der soll durch Nutzungsmischung vermieden werden. Wer im Quartier einkaufen, arbeiten und seine Freizeit verbringen kann, benötigt kein Auto. Möglich sein soll das durch IT-Kommunikation.

Wer seine Arbeit, seine Behördengänge, Bestellungen und sein Bücherstudium am Bildschirm erledigen kann, braucht keine Parkplätze. Alle Stadttechnik soll nachhaltiger und intelligenter werden, vom Plusenergiehaus bis zum vernetzten Mülleimer, vom Kleinkraftwerksnetz bis zur energieoptimierten Haustechnik und zur mitdenkenden Straßenbeleuchtung.

In den Ländern der Dritten Welt hingegen müsste es erst einmal darum gehen, die Stadtentwicklungspolitik und Stadtplanung in die Lage zu versetzen, mit der Komplexität der Problemfelder umgehen zu können. Denn bislang werden die großen, schnellen Lösungen bevorzugt. Riesige neue Stadtgebiete werden ausgewiesen, breite Straßen gebaut, das Land parzelliert und dem – durch Korruption – sich selbst regulierenden Markt überlassen. Smart ist das nicht. Es schafft Probleme, die vorhersehbar sind und die sich potenzieren werden. Schon werden in China die ersten Trabantenstädte wieder baufällig.

Wirklich funktionierende, „smarte“ Städte bedürfen sorgfältigster, kenntnisreicher Planung und qualitätsvoller, kontrollierter Bauausführung. Diese Erkenntnis wächst in China oder Indien nur langsam und ist in Pakistan oder Nigeria noch nicht in Sicht. Man wird sie dereinst beim Umbau der heute entstehenden Agglomerationen berücksichtigen – vielleicht, wenn das politische System so weit ist.

Mehr als gewöhnliche Stadtentwicklung

Dass es am politischen System liegt, ist im Nahen Osten zu beobachten. Auch dort, wo genügend Sachverstand eingekauft werden kann, wo die Ressourcen für nachhaltige Stadtentwicklung vorhanden sind, wachsen die Städte unsinnig in die Höhe und landfressend in die Breite. Urbane Dichte, das Zauberwort für die lebenswerte Stadt mit menschlichem Maßstab und nachhaltigem Umgang mit der Umwelt, ist für Ölscheichs keine attraktive Zielvorstellung. Masdar, die 2007 von Norman Foster geplante umweltgerechte Nullenergiestadt bei Abu Dhabi, ist gescheitert. Dabei wollte Foster nur in die Moderne transferieren, was jahrtausendelang aus gutem Grund arabische Bautradition war: die dichte, vor dem Wüstenklima schützende, urbane und soziale Strukturen fördernde Bebauung.

Hierzulande wird mit dem Begriff Smart City allzu oft ganz gewöhnliche Stadtentwicklung geadelt. „Die Smart City verbessert die Lebensqualität der Menschen durch intelligente, innovative Infrastrukturen, die helfen, Mobilität effizienter zu machen, Ressourcen zu schonen und negative Umwelteinflüsse zu reduzieren“, ist zum Beispiel vom Hamburger Senat zu hören.

Das war auch schon vor Aufkommen des Modebegriffs das Ziel. Letztlich werden darunter eine Reihe von Projekten, Forschungen und Initiativen verschiedenster Entwicklungsstufen und Zielstellungen subsumiert, die miteinander nicht viel zu tun haben. Doch wenn das gemeinsame Label Ideen und Kräfte freisetzt, warum nicht?

Was Smart City wirklich heißen müsste

In Berlin hat man kurzerhand zehn aktuelle Entwicklungsstandorte umetikettiert. Sie heißen jetzt „Zukunftsorte“ und werden für die Smart-City-Idee vereinnahmt. Damit sieht sich der Senat dem Vorwurf enthoben, er habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Dabei sind die „Zukunftsorte“ entweder Uraltprojekte, Selbstläufer, private Initiativen oder – wie Tempelhof – noch ungedeckte Wechsel auf eine noch ungeklärte Zukunft.

Was Smart City wirklich heißen müsste, zum Beispiel allgemein zugängliches W-Lan, das Bürgeramt online, das intelligente Stromnetz, flächendeckende Elektromobilität und so weiter, ist Zukunftsmusik.

Vielleicht verlegen die zuständigen Senatsverwaltungen für drei Tage ihren Dienstsitz ins Messegelände und informieren sich über die schöne neue Welt der Smart City.

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