Smashing-Pumpkins-Star Jimmy Chamberlin : „Plattenfirmen waren noch nie die Freunde der Musiker“

Der frühere Smashing-Pumpkins-Star Jimmy Chamberlin erklärt, wie Technologien das Musikgeschäft verändern und was er heute Künstlern rät.

von und Oliver Voss
Jimmy Chamberlin gilt als einer der besten Schlagzeuger der Welt. Die Kritik mancher Musikerkollegen an Streamingdiensten wie Spotify kann er nicht nachvollziehen. Foto: imago/ZUMA Press
Jimmy Chamberlin gilt als einer der besten Schlagzeuger der Welt. Die Kritik mancher Musikerkollegen an Streamingdiensten wie...Foto: imago/ZUMA Press

Mister Chamberlin, Sie haben gerade fast alle Ihre Instrumente verkauft. Ist das der endgültige Abschied von der Musik oder brauchten Sie das Geld?

Nein, ich wollte das Zeug loswerden, weil ich es sowieso nicht mehr nutze. Ich habe ein Schlagzeug, das ich regelmäßig spiele. Die anderen standen in einem riesigen Raum und waren seit Jahren in Kisten verpackt. Jetzt ziehen wir in ein neues Haus und meine Frau sagte, das Zeug kommt nicht mit. Ich habe aber auch kein sentimentales Verhältnis zu den Instrumenten und dachte schon immer, jemand anderes sollte sie spielen.

Und den Verkaufserlös investieren Sie in Technologie-Start-ups?

Nein, für die Privatschule meiner Kinder.

Sie waren doch auch als Investor aktiv?

Ja, als es vor ein paar Jahren auch bei uns in Chicago losging. Aber ich versuche, kein großes Portfolio aufzubauen. Es ist zu schwer zu managen und ich habe keine Zeit, um mir ständig Kennzahlen anzuschauen und zu vergleichen. Für Technologie-Unternehmen arbeite ich jetzt vor allem als Berater.

Was können Sie als erfolgreicher Rockstar Managern und Unternehmen raten?

Meistens geht es um strategische Fragen oder darum, Prozesse zu beschleunigen. Vor allem aber habe ich ein gutes Netzwerk und kann verschiedene Leute zusammenbringen. Nach dreieinhalb Jahren als Chef der Technologiefirma LiveOne, wo wir Werbetechnologien entwickelten, habe ich viele Kontakte zu Verlagen, Medien und im Werbegeschäft.

Am besten kennen Sie sich im Musikgeschäft aus, das immer mehr über die Streamingplattformen läuft. Viele Musiker beklagen jedoch die geringe Vergütung. Wie ist Ihre Position?

Streaming ist eine Riesenchance für Musiker. Wenn die Radiostationen früher einen Song gespielt haben, wurde man einmal bezahlt. Auch wenn 100 000 Leute das Lied gehört haben. Heute wird man 100 000-mal bezahlt. Natürlich sind es kleinere Beträge, aber die Marktsättigung liegt auch erst bei zehn Prozent.

Trotzdem haben bekannte Musiker ihre Alben von den Plattformen wieder entfernt.

Einige haben ihre Musik zurückgezogen und dann doch wieder freigegeben. Man kann daraus nur schließen, dass die Kalkulation nicht aufgegangen ist. Und man muss bedenken, dass vor zehn Jahren bei Verhandlungen kein Mensch an Streaming gedacht hat. Aber Bands, die jetzt erst starten, wissen auch, wie sie gute Verträge verhandeln und dass sie sich gute Prozentanteile an den Streamingeinnahmen sichern müssen.

Wie viel bekommen Sie denn von Spotify?

Ich kann es nicht genau sagen, aber es sind signifikante Summen. Die Pumpkins haben 3,9 Millionen monatliche Hörer auf Spotify. Und wir sind auch bei Apple Music, Deezer und den anderen.

Wird ein Anbieter den Markt dominieren, und wie viele Plattformen können voraussichtlich überleben?

Ich glaube nicht, dass Apple Music verschwindet. Und Spotify ebenso wenig. Bei dem Rest wird es sich zeigen. Aber der Markt ist groß genug.

Obwohl die Nutzerzahlen und Umsätze steigen, macht Spotify auch immer größere Verluste. Geht das Geschäftsmodell überhaupt auf?

Die Nutzer haben darüber schon entschieden. Der Markt ist da und etabliert, die Plattenfirmen werden ihn auch nicht wieder wegwerfen. Jetzt liegt es daher an Spotify und den Labels, die finanziellen Details auszuhandeln und zu gucken, wo die Knackpunkte liegen. Es gibt da für Außenstehende keine Transparenz. Dabei sehe ich das Geld von Spotify und habe Einblicke in den Plattenvertrag, trotzdem weiß ich immer noch nicht, wo der Betrug ist.

Eine Strategie von Stars ist es, Geld für exklusive Vereinbarungen mit einzelnen Streaminganbietern zu nehmen. Ist die Zeit, in der man dort fast alle Songs der Welt hören konnte, schon wieder vorbei?

Wenn jemand für einen Exklusivdeal Geld bekommt und es die Karriere nicht sabotiert, wird er es weiter tun. Wenn jemand es macht und die Leute die Musik nicht mehr hören, wird er es lassen. Die Plattformen haben einen Mechanismus der Disruption entwickelt, die Hörer entscheiden nun über die weitere Entwicklung. Bislang gab es nur Jay Z, Taylor Swift und noch eine Handvoll Fälle, in denen Musiker Alben zurückgezogen oder exklusiv auf andere Plattformen gestellt haben. Da fehlen belastbare Daten. In drei Jahren werden wir die aber haben und mehr wissen. Und die Daten sind es sowieso, die das Modell so interessant machen.

Wie meinen Sie das?

Einerseits wird dadurch das Musikerlebnis immer besser. Ich war ein Beta-Tester bei Spotify, als das Unternehmen drei Mitarbeiter hatte. Damals wurden mir Songs vorgeschlagen, die ich nie hören würde. Jetzt wird das immer besser und ich höre oft die angebotenen Playlisten. Andererseits geben sie tiefe Einblicke in das Nutzerverhalten und zeigen, was die Leute wirklich wollen. Man kann also viel ausprobieren und sehen, wie die Nutzer reagieren.

Ein Ansatz der Label ist es, neue Alben nicht mehr kostenlos anzubieten, sondern nur den zahlenden Nutzern. Ist das der richtige Weg?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es hängt ganz davon ab, ob ein Musiker von den Plattenverkäufen lebt oder die Musik eher als Visitenkarte für Live-Auftritte sieht. Ich kenne Sänger, die nicht auf Tour gehen wollen. Sollen wir denen sagen, es gibt keinen Markt, weil sie ihre Musik verschenken müssen? Jeder Künstler sollte das Recht haben, sich so zu vermarkten, wie es für ihn am besten passt.

Aber geht der Trend nicht sowieso dahin, dass Musiker durch Live-Auftritte den größeren Teil ihrer Einnahmen verdienen?

Ja, das stimmt. Aber man kann nicht sagen, so oder so ist es fair, denn es war nie fair. Die Plattenfirmen waren noch nie die Freunde der Musiker.

Was raten Sie denn jungen Musikern?

Wenn du überzeugt bist, ein guter Künstler zu sein, solltest du Songs von so einer Qualität schreiben, dass Leute sie sich holen, egal wie der Verbreitungsweg ist. Oft fragen mich Kids auch zu ihrer Social-Media-Strategie und solchem Quatsch, der heute damit zusammenhängt, ein Künstler zu sein. Meine Antwort ist immer die gleiche: Wenn du großartige Kunst machst, kommt der Rest von allein.

Für Musiker ist YouTube heute so wichtig, wie MTV in den Neunzigern. Welche Rolle werden Musikvideos künftig spielen?

MTV hat Musikvideos zu einem unverzichtbaren Teil des Marketings gemacht. Das ist heute nicht mehr der Fall. Wir haben für das Video zu „Tonight, tonight" 1,1 Millionen Dollar ausgegeben. Damals war das zu rechtfertigen, bei den Umsätzen mit Plattenverkäufen und der Tour war eine Million ein Rundungsfehler. Visuelle Komponenten werden immer ein Teil der Musik sein sein, aber ich weiß nicht, in welcher Form.

Vielleicht als Virtual Reality? Mit Brille und Kopfhörern kann man sich ein Konzerterlebnis ins Wohnzimmer holen.

Nein, das wird eher eine Nische sein, wie Quadrofonie oder 180-Gramm-Schallplatten. Es wird auch noch dauern, bis Virtual Reality die emotionalen Verbindungen erzeugen kann, die Musik jetzt schon hat. Ich weiß auch nicht, ob die Technik das überhaupt schaffen kann oder sowieso nur Emotionen vorgaukelt.

Für den Ex-Chef einer Technologiefirma klingen Sie recht technologiekritisch.

Es gibt Leute wie Neil Youngs Manager Elliot Roberts und andere aus der alten Garde, die sagen, HD-Fernseher waren das Schlimmste, was dem Rock ’n’ Roll je passiert ist. Man sieht zu viel von den Gesichtern und vieles ist zu perfekt. Ich finde auch, dass das einige der Geheimnisse wegnimmt. Früher waren die Bands hinter Rauch, mit HD wurde der Vorhang weggezogen.

Sind Sie froh, dass es kein Social Media gab, oder wären Sie gern auf Facebook und Twitter mit den Fans in Kontakt getreten?

Wir hätten unser Album „Mellon Collie“ nie gemacht, wenn wir damals Smartphones gehabt hätten. Wir haben mittags angefangen und oft erst um Mitternacht aufgehört. Wir hatten keinen Fernseher, nur eine Tischtennisplatte und einen Basketballkorb. Wenn jeder ständig auf seinem Telefon tippt, kann man sich nicht konzentrieren. Wir vergessen, wie viel Zeit wir hatten, bevor es Smartphones gab.

Geben Sie wieder Pumpkins-Konzerte?

Ja, wir werden definitiv wieder spielen. In diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr, aber Anfang des kommenden Jahres. Und wir sprechen auch darüber, wieder neue Musik aufzunehmen.

Das Gespräch führte Oliver Voss.

Jimmy Chamberlin wurde als Schlagzeuger der Smashing Pumpkins bekannt. Die Alternative-Rocker aus Chicago gehörten zu den erfolgreichsten Bands der 1990er Jahre. Sie haben weltweit mehr als 30 Millionen Alben verkauft. 2000 gab die Band ihre Auflösung bekannt, 2007 gab es eine Wiedervereinigung. Chamberlin spielte zwischendurch in anderen Gruppen und machte als Jimmy Chamberlin Complex Musik.

Er ist Mitgründer der Beratungsfirma Blue J Strategies, die für Unternehmen wie Coca-Cola, Facebook oder Universal Music arbeitet. Davor war er mehr als drei Jahre Chef des Unternehmens LiveOne, das eine Technologie entwickelte, um bei Live-Übertragungen von Konzerten Social-Media-Kommentare einzubinden.

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